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Stellvertreterthema Schwangerschaftsabbruch

Gerade habe ich auf tagesschau.de den Kommentar „Die moralischen Fesseln abgestreift“  zum Ausgang des irischen Referendums und die Forendiskussion darüber gelesen, wo die Meinungen wie üblich heftig aufeinander prallen, das Thema Schwangerschaftsabbruch eignet sich prima dazu. Das brachte mich ins Nachdenken dazu, warum eigentlich.

Zunächst einmal meine Position zur Klärung: Auch ich halte den irischen Schritt für überfällig und begrüße das Ergebnis. Auch wenn Abtreibungen grundsätzlich schon im Interesse der Mutter zu vermeiden sind, finden wir genug Situationen, wo sie die einzige zumutbare Lösung sind und in diesen Fällen auch immer schon durchgeführt wurden. Daher sollten sie bis zu einer bestimmten Schwangerschaftswoche ohne Strafbarkeit und Beratung erlaubt sein. Das gesellschaftliche und moralische Tabu sollte vollständig durch eine individuelle Gewissensentscheidung ersetzt werden. Eine funktionierende sexuelle Aufklärung, den freien Zugang zu Verhütungsmitteln und deren Anwendung setzte ich dabei freilich voraus.

Schwierig macht die Diskussion, dass es praktisch unmöglich ist, einen Zeitpunkt für den Beginn des menschlichen Lebens zu finden. Für den einen ist es das Verschmelzen von Ei- und Samenzelle, für die andere Extremposition die Geburt. Je nach Positionierung auf dieser Skala ergibt sich eine unterschiedliche „moralische“ Pflicht für das Recht der Mutter oder des Kindes einzutreten. Hier würde ich mich an die Statistik über die Natur halten: So sind Frühaborte bis zur 12. Schwangerschaftswoche keine Seltenheit und werden oft sogar nicht als solche erkannt (Link1, Link2). Auch wenn die Zahlen wahrscheinlich schwierig zu belegen sind, kommen sie nicht aus der Ecke der Abtreibungsbefürworter und sind für mich daher nicht unglaubwürdig. Ich würde, vielleicht naiv, argumentieren, wenn es die Natur in vielen Fällen macht, darf es der Mensch in Notlagen auch.

In den meisten Ländern gibt es ja auch entsprechende Regelungen, die Abtreibungen zumindest straffrei stellen. Doch in vielen anderen, wie zum Beispiel USA und Deutschland wird das Thema trotzdem heftigst diskutiert und umkämpft. Gerade die hiesige aktuelle Diskussion um §219a zeigt die Brisanz, wo die alten, mühsam errungenen Kompromisse um §218 wieder aufgesprengt werden sollen. Warum gerade dieses Thema?

Beim Lesen der Forenbeiträge habe ich erkannt: Es eignet sich prima als Stellvertreter-Thema, so wie es Stellvertreterkriege gibt ist das wohl auch hier der Fall. Das eigentliche Thema ist: Ist der Mensch eine individuelles Wesen mit hohen Freiheitsrechten, das alles, was den anderen nicht schadet, frei entscheiden kann oder ist er in eine höhere Ordnung eingebunden und enden seine Rechte, wo er mit dieser Ordnung bricht. Für die religiösen Vertreter ist das immer klar: Wer seinen Gott als „Herr“ oder „Lord“ betitelt, als „Hirten“ über „Schafe“, der kann gar nicht von individuellen Entscheidungen und Rechten ausgehen, hier ist die Begrifflichkeit schon die Hierarchie. Anwendung fand das praktischer Weise auch im Weltlichen mit Gottesgnadentum, Adel und Feudalherrschaft, in der Gegenwart mit päpstlichem Dogma, auch beruft sich religiöser Fundamentalismus jeglicher Couleur gerne darauf. Stets ist es nicht Gott selbst, der uns zwingt, sondern Menschen, die seinen Willen sehr genau kennen und für ihn sprechen. Außerhalb des Religiösen lässt sich die Frage des Grundwehrdienstes und der Gewissensentscheidung für dessen Verweigerung als Beispiel heranziehen. Im Kern geht es also um die Frage:

Wie weit darf die individuelle Freiheit aus religiösem oder staatlichem „höheren“ Interesse eingeschränkt werden? Ist eine vorgegebene Hierarchie, in die man quasi „hinein geboren“ wird, legitim? Wie weit darf Moral gehen?

Die jüngere Geschichte zeigt zweifellos, dass wir uns hier entwickelt haben: Es gibt keine „Ketzer“ mehr, die Meinungsfreiheit ist gegeben, Trennung von Kirche und Staat steht in der Verfassung und der Grundwehrdienst hat Pause, ist aber nicht abgeschafft. Doch es wird teilweise versucht, das Pendel wieder zum Umkehren zu bewegen, neben der digitalen Überwachung als Instrumentarium eines wieder autoritäreren Staates ist es auch die Diskussion um Abtreibung, die es erlaubt, aus „höheren Gründen“ die Menschen zu etwas zu zwingen. Das Thema Schwangerschaftsabbruch eignet sich gut zu einer solchen Diskussion: Es ist ein uraltes Menschheitsthema und keiner kann die Frage nach dem Beginn des Lebens wirklich entscheiden, die Antwort ist nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Suche ich mir die richtige Position aus, keiner kann es mir widerlegen, sofort habe ich eine große moralische Keule für religiöse Positionen, auch im Weltlichen. Wer will sich schon mit „Kindsmördern“ gemein machen?

Das Schöne an dem irischen Ergebnis ist, dass es zeigt, dass die Menschen sich weiter entwickelt haben.

Update 31.05.2018: Mein Post unterstellt allen Abtreibungsgegnern pauschal andere Motive, hier ist er leider unsauber, wofür ich mich entschuldige. Ich möchte deswegen noch ergänzen, dass es sicher Gegner gibt, die nicht diese Ziele verfolgen. Diese wollte ich damit nicht verunglimpfen.

Religiöse Gefühle

Ein nicht sehr frommer Klaus Ungerer (wikipedia) hat in freitag.de einen Artikel (eine Polemik?) zum Thema Religion in unserer Zeit geschrieben:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/es-riecht-nach-mensch

Auch wenn der Artikel keine Provokation auslässt, gefällt er mir, da ich die unselige historische und leider auch gegenwärtige Allianz von Religion und Macht ebenso kritisiere, wie zum Beispiel in meinem Post „Gläserne Wände“.

Schön die Passage mit einem Zitat:

Im Nachgang des Charlie-Hebdo-Massakers sprach Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, aus, was die Grundlage einer aufgeklärten Gesellschaft zu sein hätte: „Im Zusammenhang mit religionskritischer Satire hört man immer wieder den unsinnigen Vorwurf: ‚Aber damit verletzt ihr doch die religiösen Gefühle anderer.‘ Ich frage mich: Was soll denn das sein, ein ‚religiöses Gefühl‘? (…) Ist das Gefühl eines aufgeklärten Geistes weniger wert als das Gefühl eines religiösen Einfaltspinsels? Es ist aufklärerische Menschenpflicht, jede Religion immer und überall zu kritisieren.“

Eine Renaissance der Religionen sehe ich in unserem Weltgeschehen: Es gibt einen gewissen Islamismus als religiös unterfütterte Gegenbewegung zum westlichen Werten und deren hegemonialer Dominanz, und in der anderen Waagschale die „abendländische christliche Leitkultur“ die diese angeblich christlichen Werte gegen den Ansturm von islamischen Flüchtlingen verteidigen will. In beiden Ausprägungen wird mal wieder die Religion missbraucht um weltliche Machtinteressen mit höheren Weihen zu versehen.

Der Riese von Cardiff

Zum heutigen 16. Oktober ein köstliches Kalenderblatt: Am 16. Oktober 1869 wurde der „Riese von Cardiff“ entdeckt, eine kuriose und bauernschlaue Kunstfälschung, ein „Hoax“. Herrliches Beispiel zum Motto, die Leute glauben, was sie glauben wollen.

Gläserne Wände

Trennung von Kirche und Staat ist etwas, was in Deutschland hoch gehängt und in der Praxis stets planvoll unterlaufen wird. Will man konfessionsfrei leben, so sind dem viele oft nur kleine, aber doch gewollte Hindernisse in den Weg gestellt.

Solche Hindernisse habe ich viele selbst erlebt, auch im Alltag hier in Altdorf. Beispiel Schule: Das Recht auf Konfessionslosigkeit wird hier an der Grundschule zwar formal gewährt, aber in der Anschauung der Verantwortlichen nicht hoch bewertet. Das spürt man bereits bei der Anmeldung, wo einem, trotz vorher bekannter Konfessionslosigkeit des Kindes, zu den vielen anderen Formularen auch ein Formular zur Anmeldung am katholischen Religionsunterricht mit untergeschoben wird. Auf Nachfrage warum denn, heißt es dann, „das wollen viele Eltern so“, und das Formular verschwindet sehr schnell. Ebenso bei der Handhabung des Morgengebetes, bei der (Nicht-)Ausgestaltung des Ethikunterrichtes, bei Abschlussgottesdienst und so fort. Dass sich ein Kind als Aussenseiter fühlt, ist manchen sicherlich nicht unwillkommen, Schuld sind dann eben die Eltern, die dem Kind das antun.

Der gute Ansatz von Brandenburg mit „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (LER)  wird von kirchlichen und konservativen Kreisen heftig bekämpft. Bezeichnend für die Situation in Deutschland ist, dass das Bundesverfassungsgericht in Klagen anstelle einer Entscheidung nur einen Vergleichsvorschlag unterbreitet hat. Dieser hat den Ansatz bereits sehr verwässert.

Auch so ein Thema zu Brandenburg: Schon 2003 hat Brandenburg mit der Katholische Kirche ein umstrittenes Konkordat abgeschlossen, das nur 4 Jahre nach der Wiedervereinigung dem Vatikan „unkündbar“ viele Rechte einräumte, obwohl nur gut 3% Katholiken in dem Bundesland verzeichnet sind. Siehe hierzu zum Beispiel https://www.ibka.org/artikel/ag03/brandenburg.html.

Solche Beispiele kann man viele finden. Der Humanistische Bund (http://www.humanismus.de/) hat eben unter dem Titel „Gläserne Wände“ eine Broschüre zur Benachteiligung von konfessionslosen Menschen herausgegeben, die es zum Download bei http://www.glaeserne-waende.de/ gibt. Sie stellt eine gute Sammlung dar. Felix Werdermann auf freitag.de hat sich des Themas angenommen, was der Anlass zu diesem Post war: https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/das-kreuz-mit-der-kirche-und-den-atheisten

Hier noch ein paar weiterführende Links:

Trennung von Kirche und Staat

Im vorangegangen Post zu dem Urteil über konfessionslose Kinder wurden in den Kommentaren zum freitag.de Artikel immer wieder die mangelnde Trennung von Kirche und Staat beklagt, zurecht, wie ich meine. Kirche und Staat leben in Deutschland eher in Symbiose als getrennt. Sehr erstaunlich war, dass das Land Brandenburg nach der Wiedervereinigung recht schnell wieder in eigentlich anachronistische Konkordatsverträge gezwungen wurde, obwohl kaum religiöse Anteile an der Bevölkerung sind. Für etwa 3% Katholiken wurde dieser Vertrag geschlossen, interessanterweise von der SPD, nicht von den Parteien die ein „C“ im Namen führen. Mit solchen Verzerrungen befasst sich auch der folgende Telepolis Artikel:

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38899/1.html

Heidenkinder lernen beten

Ein bemerkenswertes Gerichtsurteil ist in Rheinland-Pfalz ergangen: Konfessionslose Kinder eines getrennten Paares mit gemeinsamem Sorgerecht werden per Gericht durch den Vater, gegen den Willen der Mutter, gezwungen am Religionsunterricht teilzunehmen:

http://www.freitag.de/autoren/magda/kinder-lernt-beten

http://www.olg-koeln.nrw.de/presse/l_presse/

Das Argument der besseren Eingliederung kommt immer wieder, meistens sogar von den konfessionslosen Eltern konfessionsloser Kinder. Gerade wieder erlebe ich es bei der Schuleinschreibung von Hanna: Viele Eltern lassen Ihre konfessionslosen Kinder auf Antrag an der katholischen Religionslehre teilnehmen, weil sie sich einen bessere Klassenaufteilung und Chancengleichheit erhoffen. Dabei habe ich von mehreren Lehrern die Aussage, dass die Zeiten von „Ausländerklassen“ lange vorbei sind und viel mehr die Ortsteile wegen der Schulbusse ein Kriterium sind. Die Kinder verschiedener Konfessionen lernen gemeinsam und gehen für den Religionsuntericht auf Wanderschaft in ein anderes Zimmer. Ich bin geneigt das zu glauben.

Da es recht viele konfessionslose Kinder sind geben die Eltern hier freiwillig Gestaltungsspielraum ab: Statt den Ethikuntericht für eine stetig steigende Anzahl  Kinder attraktiv zu gestalten, stecken sie Ihre Kinder wider die Überzeugung in die Religionslehre und schaffen so erst die benachteiligte Minderheit, die sie vermeiden wollen. Hier sind die Lehrer und Schulen oftmals weiter als die Eltern.

Beschneidungsrecht: Thema verfehlt

http://www.sueddeutsche.de/wissen/gesetzentwurf-des-bundesjustizministeriums-beschneidungsrecht-fuer-alle-1.1480166

Da wollte sich mal wieder mal beim Waschen keiner nass machen: Ein Gesetzentwurf, der das Problem leugnet und ein einfaches „Weiter so“ ermöglicht, ohne eine Position zu beziehen.

Da hat ein mutiger Richter ein Urteil gefällt, das eine wichtige Diskussion angestoßen hat, die damit wieder vom Tisch soll. Nach meiner Überzeugung ist es durchaus zu diskutieren, ob das religiöse Selbstbestimmungsrecht so weit gehen darf, kleinsten Kinder körperlich Veränderungen irreversibel und schmerzhaft zuzufügen.

Im Kern sehe ich eine Machtdemonstration der Priester darin: Der Lebensbeginn muss vom Priester abgesegnet werden, für Kind und Eltern ehrfurchtgebietend und beindruckend, sonst wird es kein richtiger Mensch. Die Religion und die Priester besetzen diese wichtigen Zeitpunkte im Leben der Menschen mit Ihren Ritualen.

Deswegen ist es auch so wichtig, dass es ein Priester und nicht ein Arzt macht, dann wäre diese Wirkung nicht gegeben. Die schwammige Formulierung „medizinisch fachgerecht“ ermöglicht dies ganz elegant, das kann ja jeder, ohne Arzt zu sein.

Das hat auch nichts mit Antisemitismus oder Muslimfeindlichkeit zu tun, sondern mit dem Setzen von Prioritäten: Individuelles Persönlichkeitsrecht vor religiösem Gruppenzwang. Deswegen sind auch alle Religionen, auch die christlichen, hier so einig in Ihrem Wehklagen.

Ich hoffe, es finden sich genügen Organisationen, die weiter dagegen juristisch vorgehen, damit dieses Thema noch in der Diskussion bleibt.

http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/mein-koerper-gehoert-mir
http://pro-kinderrechte.de/wp-content/uploads/2012/08/faq_beschneidung.pdf