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Der Rassismus der Beleidigten

Das Politische Feuilleton des DLF Kultur wird zu einer meiner Lieblingsquellen. Hier ein schöner Beitrag, der darlegt, dass die Ausdrucksweise von Lindner und Palmer der Ausrichtung ihrer Parteien nicht würdig ist.

Mit Empörung reagieren Christian Lindner und Boris Palmer auf Rassismusvorwürfe. Doch mit ihren Pauschalisierungen reproduzieren sie rassistische Bilder von Fremden und begeben sich in die geistige Verwandtschaft zur AfD, meint René Aguigah.

Quelle: Vorwürfe an Lindner und Palmer – Der Rassismus der Beleidigten

Algorithmus entscheidet über Freiheit

Als Informatiker habe ich eine kritische Einstellung zum Daten-Sammeln und vor allem dazu, wie wir mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen umgehen. Meine Postleitzahl gebe ich zum Beispiel deswegen beim Einkaufen nie an, den „intelligenten“ Stromzähler sehe ich sehr negativ.

Aus eigener Erfahrung mit Echtdaten in Kundenprojekten weiß ich, dass es immer Erkenntnisse aus Daten gibt, so banal und unwichtig sie auf den ersten Blick auch sein mögen. Der Satz „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ ist hier falscher denn je, hat jedoch noch nie gestimmt.

Weniger Bedenken als der Rest der Bevölkerung habe ich zum Beispiel bei Entscheidungen, die Maschinen fällen. Zum Beispiel freue ich mich schon auf selbstfahrende Autos und denke, sie sind ein logischer nächster Schritt im Individualverkehr. Die deutsche Automobilindustrie macht hier große Fehler, wenn sie anderen Konzernen die Entwicklung und Einführung überlässt, wohl weil für den Kunden der noblen Fahrzeuge die „Freude am Fahren“ überwiegen soll, was höhere Marchen ermöglicht. Auch die Sicherheit lässt sich lösen: Wenn die Unfallquote der Computerfahrer geringer ist, als die von Menschen, kann man sie hinnehmen und auch versichern. Man kann sie auch viel leichter verbessern als bei Menschen, ein ganz wichtiger Aspekt. Aber das ist noch, nicht mehr lange, Zukunftsmusik.

Entsetzt hat mich hingegen eine Anwendung Maschinen-gestützter Entscheidungsfindung, die nicht mehr Zukunftsmusik ist, sondern in den USA schon Realität: Straftätern wird auf Grund von Befragungen ein Wiederholungsrisiko zugeteilt, der Richter kann darauf basierend entscheiden das Strafmaß zu verkürzen oder zu verlängern. Zielsetzung ist es, die überfüllten Gefängnisse der USA von harmloseren Tätern zu entlasten, die gefährlichen Täter aber länger wegzusperren. Ein Artikel auf zeit.de beschreibt die Umstände der Anwendung und die damit verbundenen Probleme:

Präzise berechneter Rassismus

Die Umstände der Verwendung erinnerten mich stark an die Phrenologie, den historischen Versuch Schädelform und Hirnforschung mit Neigung zu Verbrechen zu korrelieren. Deswegen weil auch die Umstände so gleich sind:

  • Die Kriterien und Algorithmen der verwendeten Programme sind geheim und so nicht nachvollziehbar, die Trefferquote wurde wohl nie richtig geprüft und hat sich jetzt, nach Prüfung erst durch Journalisten, als haarsträubend herausgestellt. Will man so etwas machen, ist wie immer in der Justiz, Nachvollziehbarkeit  und Transparenz oberstes Gebot, also müssen die Algorithmen offen sein, um deren Vorgehensweise und „Gerechtigkeit“ zu prüfen. Ob der Ansatz überhaupt praxisgerecht ist, darf bezweifelt werden.
  • Die Prüfung legt nahe, dass die Software nur die Vorurteile der Bevölkerung wiederholt was Hautfarbe und soziale Herkunft anbelangt, Farbige wurden zu schlecht, Weiße zu gut beurteilt. Um diese Kriterien anzuwenden, bedarf es keiner Software. Schlimmer noch: Einen rassistischen Richter kann ich dokumentieren und so vielleicht überführen, eine proprietäre, nicht öffentliche Software nicht.
  • Strafrecht sollte nicht für mögliche zukünftige Verbrechen bestrafen, sondern für tatsächlich begangene. Schon deswegen ist der Ansatz falsch. Das deutsche Strafrecht unterscheidet zu Recht die Sicherungsverwahrung strikt von der Freiheitsstrafe. Nebenaspekt: In den Medien und der Politik wird dieser Ansatz mehr und mehr aufgeweicht: Ständig erreichen uns Nachrichten, dass auch in unserem Land ein terroristischer Anschlag „vereitelt“ wurde, bevor er begangen wurde. Ich sehe dabei das Generieren von Angst in der Bevölkerung meist im Vordergrund. Welche Taten den Inhaftierten dabei tatsächlich zu Last gelegt und auch bewiesen werden, wird oft nicht ausreichend dargestellt und in der Rückschau schon gar nicht.

tl;dr:

Der Ansatz der USA, Aufgrund von in-transparenten Computeralgorithmen das Strafmaß von Tätern zu bestimmen, ist inadäquat, erschreckend und menschenverachtend.

Sandra Bland Was Murdered

So titelt das Magazin Rolling Stone zum Fall der amerikanischen Farbigen Sandra Bland, die unter ungeklärten Umständen in einem Hochsicherheitsgefängnis in Texas starb, nach dem sie wegen falschen Blinkens als Autolenker festgenommen wurde. Die Behörden sprechen von Selbstmord, doch die Umstände und die Faktenlage, so dünn sie auch ist, lassen stark daran zweifeln.

Das Magazin stellt fest, egal ob es tatsächlicher Mord war oder nur die Bedingungen der überzogenen Haft zum Selbstmord führten, eine Mitschuld der Behörden und einen rassistischen Hintergrund gibt es in jedem der beiden Fälle.

Ein sehr ausführlicher Artikel in freitag.de stellt die Vorgänge dar, nennt jede Menge Details und verlinkt auch auf Quellen in Audio und Video. Wieder mal ein gutes Beispiel dafür, wie das Internet besser Informieren kann, als die Nachrichten in den anderen Medien. Bemerkenswert ist zusätzlich, dass es sich um einem Community-Beitrag handelt, also ein Leser und nicht ein Redakteur von freitag.de diese Qualität liefert, und dass freitag.de auch dafür ein Platz ist. ¡chapó!

https://www.freitag.de/autoren/maennlicherlinker/sandra-bland-exitus-im-texas-jailhouse

Meine Meinung: Egal, welche politische Position man einnimmt, ohne eigenständiges Recherchieren im Netz ist man nicht richtig informiert. Nur hier kann man Quellen auch ungefiltert wahr nehmen und bewerten. Natürlich muss man auch im Netz mehrere Artikel und Seiten konsultieren, bewerten und selbst einen Mittelwert bilden, um der Wahrheit nahe zu kommen. Dies wird immer subjektiv sein, aber das ist kein wirkliches Problem.

Meine Meinung zum Fall: Die wirklichen Umstände werden wir auch dabei nicht ausreichend erfahren, die Selbstmordfrage wird nicht anders als jetzt geklärt werden. Das hier jedoch nicht nur falsches Blinken die Motivation der Polizisten war, ist nicht zu übersehen, gerade bei der Vorgeschichte der Frau. Die Umstände ihrer Festnahme und ihr Tod sind in jedem Fall ein Skandal, und es ist gut, dass dies in Amerika heftig diskutiert wird.