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Italien und die Fünf-Sterne-Bewegung

Der treue Leser dieses Blogs weiß, dass ich im Zuge der Eurokrise auch die italienische Politik beobachte und die Ära nach Berlusconi sehr interessant finde. Nicht der Premier Renzi steht im Mittelpunkt, sondern die 5 Sterne Bewegung, gegründet und wohl auch gut kontrolliert von Beppe Grillo, die 2013 einen ähnlich großen Erfolg erzielte, wie neulich die AfD in den Landtagswahlen.  Das war es aber dann schon mit Gemeinsamkeiten, denn fremdenfeindlich und nationalistisch ist die Bewegung nicht.

Ein Dossier des DLF gibt ein detailliertes Stimmungsbild:

http://www.deutschlandfunk.de/italien-und-die-fuenf-sterne-bewegung-rebellion-fuer-recht.1170.de.html?dram:article_id=340012

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Beppe Grillo Bashing

In Italien ist noch nichts passiert, was einer Regierungsbildung gleich kommt, da bleibt immer noch Raum für das Verunglimpfen des Newcomers Beppe Grillo.

Gerade hat Jan Fleischhauer in seiner Spiegel-Kolumne „Der schwarze Kanal“ hingelangt und Ihn als antidemokratisch und Benito Mussollini vergleichbar dargestellt. Bei der Gelegenheit hat er gleich nachgewiesen, dass der Faschismus im Kern sowieso eine linke Bewegung ist. Zitiert hat er dabei den Mussolini Biographen Nicholas Farrell, einen Journalisten, der Berlusconi unterstützt. Auch wenn die Spiegel-Kolumne durchaus intentional etwas provokativer sein soll, ist das schon harter Tobak.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/italiens-wahlsieger-grillo-der-gefaehrlichste-mann-europas-a-888851.html

Dass er damit nicht allein ist, zeigt der Artikel im Tagesspiegel, der die Systematik auch in Grillos Heimatland darstellt:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/ex-komiker-beppe-grillo-der-mann-dem-das-lachen-verging/7869708.html

Es ist nicht schwer zu prophezeien: In Europa werden noch viele „sogenannte Clowns“ gewählt werden, und nicht alle werden zugleich Populisten, Faschisten, Linke und antidemokratisch sein.

Italien ist nicht unregierbar

Der Schriftsteller Mario Fortunato, 54, („Unschuldige Tage im Krieg“) leitete das italienische Kulturinstitut in London und hat jetzt einen guten Gastkommentar zur italienischen Wahl in der SZ veröffentlicht:

http://sz.de/1.1613967

Zitat daraus:

Die Medien aber melden: In Italien hat die Unregierbarkeit gesiegt. Liebe denkfaule Journalisten-Freunde – könnte es nicht passieren, dass die Leser euch bald ignorieren, wenn ihr weiter Klischees verbreitet?

Populisten und Clowns

Ist schon seltsam mit der Demokratie: Wir halten sie hoch und sie wird allgemein anerkannt für das beste derzeit verfügbare politische System gehalten. In dem Moment aber, indem sie wirklich ausgeübt wird, stellt man das Ergebnis als Betriebsunfall dar, wenn es einem nicht passt.

Aktuelles Beispiel Italien: die Welt (will heißen die Finanzmärkte und Europas Polit-Establishment) will, dass Parteien gewinnen, die brav und konsequent zum deutsch-französischen Europa-Kurs stehen, aber die Italienischen Bürger tun ihnen den Gefallen nicht. Da ja aber viele, quasi als oberster Wahl-Richter, wissen, was rauskommen muss, diskreditiert man das Wahlergebnis, macht alle, die „ungerechtfertigt“ gewählt werden zu Populisten, nur die anderen sind die guten, und erklärt die Italiener für zu doof, um verantwortungsbewusst zu wählen. Das deckt sich nicht mit meinem Demokratieverständnis. Es sollte auch von jemandem, der bald Kanzler sein will, nicht für Wahlkampfzwecke benutzt werden.

Das wäre ja in Ordnung, wenn wenigstens in Hintergrundberichten die Gründe für das Wahlergebnis beleuchtet würden. Zum Beispiel ist es für einen nicht Italiener (und vielleicht auch für viele von ihnen) schwer zu verstehen, warum Berlusconi gewählt wird, und worin dessen Attraktivität für das Volk besteht. Eine italienische Journalistin sagte, dies sei auch dem Nord-Süd Konflikt in Italien geschuldet. Solche Dinge werden aber nicht in der Breite dargestellt.

Noch viel weniger wissen wir über Beppe Grillo, wir diskutieren ja nur über die Clown-Aussagen von „#problem-peer“ Steinbrück. Die Medien können sich nicht einigen ob Beppe Grillo nun „Clown“, „Kabarettist“ oder „Schauspieler“ ist, vermutlich wird demnächst auch noch „Jongleur“, „Zirkusdirektor“, „Tanzbär“ und  „StandUp-Comedian“ getitelt werden um ihn ins rechte Licht zu rücken. Das man das nicht mehr so genau sagen kann, liegt auch daran, dass es schon über 20 Jahre lange zurückliegt. Grund für das Karriereende im TV war übrigens, dass er während seiner Shows immer schon missliebige politische Einschätzungen verkündet hat, er hatte sich auch mal mit Bettino Craxi angelegt. Wie politisch er immer schon war, illustriert auch der Artikel in der Zeit von 2006. Dass er jetzt nur als „Clown“ bezeichnet wird, ist der Reflex des politischen Establishments bei neuen Strömungen, wie es auch schon bei den deutschen Piraten oder, lang ist es her, auch bei der Entstehung der Grünen der Fall war.

Viele Deutsche glauben brav, dass er gar kein Programm hat, obwohl selbige italienische Journalistin sofort inhaltliche Punkte aufzählen konnte. Deswegen ist es gut auch mal Details zu lesen, in diesem Falle einen Blog-Eintrag von Beppe Grillo in freitag.de abgedruckt zu sehen:

http://www.freitag.de/autoren/ed2murrow/fundamentalopposition-grundeinkommen

Wer die Vorurteile der Anrufer und die Journalistin im Originalton hören möchte, hier das BR2 Tagesgespräch vom 26.02.2013 zum Thema: