Archiv der Kategorie: Wissen

Wissen ist Macht, wir wissen nichts, macht nichts.

Die Gefahren der Privatisierung

heißt ein Beitrag auf SWR2-Wissen, den ich hier anführen möchte, da ich PPP für eine elegante und intrigante Möglichkeit halte, das Geld der Steuerzahler umzuverteilen:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/privatisierung-gefahren/-/id=660374/did=19001370/nid=660374/1l0wtf1/index.html

Hohe Preise für Wasser, Strom und Gas, baufällige Schulgebäude, die kaum noch zu benutzen sind, immer schlechtere Verbindungen der Deutschen Bahn auf dem Land, Krankenhäuser in der Krise – all das sind Folgen einer jahrzehntelang betriebenen Privatisierung. Der Staat zieht sich aus bestimmten Bereichen immer mehr zurück. Die Gefahren dieser Entwicklung beschreibt Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt schulische Politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Hayır

Es ist unglaublich, wie oberflächlich unsere Medien manchmal sind. So berichtet die Tagesschau über das Referendum in der Türkei, das mit Ja oder Nein ausgehen kann:

http://www.tagesschau.de/inland/deutsch-tuerken-101.html

Dabei wird in dem Artikel das türkische Nein „Hayır“ mit einem „i“ geschrieben, weil es den Laut „ı“ bei uns nicht gibt. Das ist ungefähr so als würde man einem Kind einen Marder als „Katze“ erklären, nur weil es noch nie einen Marder gesehen hat (umgekehrt hat es allerdings Republikgründer Atatürk den Türken auch leicht gemacht, als er die Schreibweise von neuen Lehnwörtern der Aussprache angepasst hat. So heißt zum Beispiel die Motordroschke in der Türkei „Taksi“.).

Kann man über türkische Befindlichkeiten, die Politik, die Verfassung des Staates berichten, wenn man nicht mal willens ist, die türkische Rechtschreibung zu beachten? Unsere Computer und Systeme können das inzwischen schon lange, wie dieser Post demonstriert (allerdings ersetzt WordPress den Laut im Permalink auch mit einem „i“ 😉 ). Ich meine, wenn man über zukunftsweisende Entscheidungen des türkischen Volkes berichtet, sollte man, egal welche Position man auch einnimmt, wenigstens die Sprache und Rechtschreibung der Kultur beachten, sonst kommt der Verdacht auf, dass man es mit den Interessen der Türken auch nicht so genau nimmt. Eine Redakteurin eines Rundfunksenders wie des hr sollte damit umgehen können, schließlich ist die Sprache ihr Metier.

Mir ist der Laut „ı“ bekannt von einer lang vergangenen Türkei-Reise, weil ich den Ortsnamen von „Kuşadası“ nie richtig aussprechen konnte, was für unsereiner wirklich schwierig ist. Es ist eben kein „i“.

Übrigens sagt man in der Türkei meistens gar nicht „Hayır“, sondern „Yok“, vielleicht ist das ja ein Omen für das Referendum.

In ähnlicher Weise ist mir zuwider, wenn Sprecher und Moderatoren ebenso wie die befragten Politiker die Ukraine mit einem Umlaut wie das „ei“ aussprechen, nicht a-i, wie es sich eigentlich gehört.

Im Kern ist die Sprachbehandlung hier Indikator für die Denkweise dahinter: Bedeutet Globalisierung, dass Entfernungen weniger Rolle spielen und wir zu einem intensiveren Austausch auch der Kulturen kommen, oder ist hegemoniale Einebnung, Standardisierung und Verdrängung der Fall? Das unsägliche Wort „Leitkultur“ gehört zu dieser Art zu denken.

Warum Atomstrom?

Nun ist sie schon vertraut, die Atomwende, Deutschland rückt vom Atomstrom ab. Vor allem nach Fukishima habe ich mich gefragt, warum haben wir das überhaupt gemacht, die Probleme waren doch schon vorher bekannt.

Die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima haben Ausmaße, die die Vorstellungskraft übersteigen. Eine aktuelle Meldung zeigt den fahrlässigen Umgang damit, weil die wahren Dimensionen nicht vermittelbar oder bezahlbar sind:

Fukushima – Strahlenforscher kritisiert Aufforderung zur Rückkehr in verseuchte Gebiete

Jahrzehntelang wurde erzählt, wie billig und umweltschonend Atomstrom ist. Ich kann dem nicht folgen, den Erträgen gegenüber stehen enorme Kosten für:

  1. Subventionen zur Entwicklung der Technologie
  2. Urangewinnung (siehe Mali)
  3. Betrieb
  4. Sicherheit vor Sabotage und Terrorismus
  5. Abbau, Zwischen- und Endlager der radioaktiven Stoffe
  6. Soziale Kosten der beiden bisherigen Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima
  7. Umweltschäden durch diese beiden Ereignisse

Gerade der letzte Punkt ist unterrepräsentiert, wenig Aufmerksamkeit hat zum Beispiel die große Menge Radioaktivität, die bei Fukushima ins Meer eingebracht wurde und immer noch wird. Ist das bei einer Nation, deren Ernährung so stark mit Fisch verknüpft ist wie Japan, erträglich?

Tschernobyl war nur durch die großen dünn besiedelten Flächen leichter beherrschbar, bei der Bevölkerungsdichte von Japan ist der Schaden viel größer. Aber die obige Meldung zeigt, wie die japanische Regierung das Problem löst, die Sorge für die Bevölkerung steht nicht im Vordergrund.

Was ist, wenn man die Anzahl der atomar erzeugten Kilowattstunden durch die obigen Kosten teilt, ist Atomstrom dann immer noch billig? Ich denke, alleine die beiden Katastrophen reichen aus, um die Aussage als Lüge zu entlarven. Ich habe einen Freund der internationaler Klimaexperte ist, den habe ich dies gefragt. Er meinte aber, eine belastbare Zahl über die Kosten von Tschernobyl und Fukishima sei nicht zu bekommen.

Wie wenig Atomstrom konkurrenzfähig ist und eigentlich immer schon war, zeigt auch ein guter DLF Beitrag, den ich gestern gehört habe:

Atomkraft in der existenziellen Krise

Die Atomindustrie steckt in einer tiefen Krise. Einer der Gründe: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima, die sich heute zum sechsten Mal jährt. Das Unglück war aber nicht der Auslöser, sondern lediglich der Beschleuniger für die milliardenschweren Verluste der Branche.

 

Erstaunlicherweise wurde trotz Fukushima in England der Neubau von Hinkley Point C beschlossen, mit enormen Kosten und hohen staatlich Beihilfen:

http://www.wiwo.de/technologie/green/news-england-baut-teuerstes-atomkraftwerk-aller-zeiten/13550358.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hinkley-point-c-geplantes-atomkraftwerk-birgt-hoehere-risiken-als-bekannt-a-1058523.html

Die Darstellung in Wikipedia zeigt, dass damit nie Geld mit dem Strom verdient werden wird, der politische Wille entscheidend war und nur der englische Steuerzahler das Projekt überhaupt ermöglicht hat. Warum also diese Entscheidung, wo doch England mit Wind leicht genug Strom erzeugen könnte? Meine Interpretation ist die, dass Großbritannien als Nation mit Atomwaffen die Kraftwerke braucht, um damit, national autark, spaltbares Material für Kernwaffen zu erzeugen.

Aus dieser Erkenntnis ist meine These entstanden, dass wir die Atomkraftwerke ja vielleicht nur zu diesem Zweck wirklich haben, da auch die Politiker der Entstehungszeit sich Entsorgungskosten und Katastrophen ausmalen konnten (siehe Technikgeschichte der Kernkraft). Aber für Deutschland, das ja gar keine Atommacht ist, ist diese These vielleicht zu gewagt, kann aber erklären, dass wir leicht aussteigen können, England und Frankreich aber nicht.

Noch eine These zum Thema als Zugabe: Endlager wird es nie geben, die sogenannten Zwischenlager auf dem Gelände der Kernkraftwerke werden die Endlager sein. Ich wohne 15 km Luftlinie vom Kernkraftwerk Isar in Ohu.

Update 17.03.2017: Durch den Tipp eines aufmerksamen Lesers kann ich folgenden Artikel zur militärischen Bedeutung von Hinkley Point C ergänzen:

https://www.heise.de/tp/features/Hinkley-Point-muss-gebaut-werden-aus-militaerischen-Gruenden-3351570.html

Acesulfam-K im Pool

Interessanter Ansatz:

DLF24: Wie man Urin im Wasser nachweisen kann

Folgende Fragen hierzu:

  1. Will ich das wissen? 😉
  2. Annahme: Der Betreiber kriegt als Ergebnis eine hohe Konzentration. Tauscht er dann das Wasser kostenträchtig schneller aus, oder wartet er auf langsame Normalisierung? Also: will er das wissen?
  3. Als Laie geht man davon aus, dass mehr kleine Kinder ins Wasser bieseln als Erwachsene. Das Verfahren kann also nur funktionieren, wenn sie Acesulfam-K ausreichend mit ihrer Nahrung aufnehmen. Das wäre in dieser Allgemeinheit schon erschreckend. Ist das wirklich so?
  4. Der Süßstoff geht laut Artikel nahezu un-verstoffwechselt durch. Reichert er sich dann irgendwo an? Hat er Schadwirkungen?

Mein Fazit: Tolles Verfahren, gut ausgedacht, aber in Hinsicht meiner Fragen beunruhigend und unbefriedigend.

Verschwörungstheorien

Die WDR-Sendung Quarks & Co war früher ein beliebter Programmpunkt  im TV für mich. Oft habe ich sie empfohlen und darauf hingewiesen, wie viel besser die Themenauswahl und Information durch den Moderator Rangar Yogeshwar war, als im Vergleich dazu damals durch das ZDF und seine Sendungen mit Joachim Bublath, die meist über das Thema gingen, ob wir morgen oder übermorgen den Mars besiedeln werden.

Ich sehe sie auch heute noch manchmal, aber meine Begeisterung dafür ist verschwunden. Neben den durchaus noch vorhandenen guten Sendungen werden inzwischen des öfteren Themen ausgewählt und in einer Weise behandelt, die eben weniger wissenschaftlich neutral und dafür durchaus Interessen-geleitet ist. Die gestrige Sendung war dafür ein Beispiel:

Quarks & Co | 28. Juni 2016, 21.00 – 21.45 Uhr | WDR:
Wahn oder Wahrheit – was steckt hinter Verschwörungstheorien?

Dieser Beitrag in der WDR Mediathek

Schon der Titel und die inflationäre Verwendung des Begriffes Verschwörungstheorie, ohne ihn im Wesentlichen zu definieren, diffamieren alle Menschen, die eben nicht unreflektiert die vorherrschende Meinung und damit die Meinung der Herrschenden wiedergeben. Die Sendung beschränkte sich neben ein paar Erläuterungen über die Historie des Begriffs vor allem darauf, möglichst abstruse Beispiele für „Verschwörungstheorien“ abzuliefern wie die Chemtrails und die jüdische Weltverschwörung, und daraus implizit abzuleiten, das ja alle, die irgend sowas glauben, durch den Wind sind. Das letztere Beispiel über das Weltjudentum diente auch gleich dazu, den Zusammenhang mit dem dritten Reich herzustellen, so als kämen die „Verschwörungstheorien“ hauptsächlich vom rechten Rand der Gesellschaft. In einem Beitrag, wo ein Mitarbeiter in Straßeninterviews selbst eine Verschwörungstheorie basteln sollte, wurden an und für sich kluge und wohlüberlegte Antworten von den recht besonnenen Befragten so umgedeutet, dass das Vorhaben leicht ist und dieses „Impfen“ angeblich auch funktioniert hat. In meiner Wahrnehmung war das aber nicht so, die Menschen waren eher intellektuell und nicht so leicht in eine Richtung zu schubsen, man kann sich diesen Teil hier ansehen, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Hier deshalb ein paar Anmerkungen von mir um nicht alles so stehen zu lassen.

Der Begriff der Verschwörungstheorie wird heute sehr inflationär verwendet, zu Unrecht, will ich meinen. Natürlich gibt es unsinnige Meinungen und Konstrukte, nicht alles, wozu es eine schöne Website gibt oder wozu jemand ein Buch verkaufen will, ist plausibel, seriös, stichhaltig und belegbar. Praktisch ist es jedoch, jede abweichende Meinung und Spekulation über Zielsetzungen der Politik pauschal als „Verschwörungstheorie“ abzutun und damit die, die darüber nachdenken, entweder als leichtgläubige Spinner (Opfer) oder bösartige Urheber und Verführer (Täter) zu diffamieren. Ebenso wie der „Populismus“ wird der Terminus wie ein Mühlstein jedem um den Hals gehängt, der die Mainstream-Meinung gefährdet.

Ein Schlüsselwort hier ist die Spekulation: Glauben Sie, dass die Bevölkerung, wir alle, die Wähler in einer Demokratie, den gleichen Informationsstand hat wie die Lenker, die Mächtigen, die Regierungsmitglieder und Minister? Natürlich nicht. Aktenstudium, Informationsdienste, Berater, Vernetzung untereinander und mit der Wirtschaft, Think-Tanks und Lobbyisten, Konferenzen und dergleichen schaffen einen Wissensvorsprung, der natürlich auch wichtig ist und es erlaubt Strategien zu entwickeln. Und diese Strategien twittert man nicht immer gleich raus, sondern denkt im Verborgenen darüber nach und leitet Schritte ein, damit man sich auch umsetzen kann. Nicht mal ein Vereinsvorstand eine Sportvereins lässt sich bei wichtigen Vorhaben gleich zu Beginn in die Karten schauen, sonst wird es ihm unmöglich, sie durchzusetzen.

Diese Asymmetrie im Wissen zwischen denen, die die Macht haben und denen, die sie in einer Demokratie verleihen, ist also nicht zu vermeiden. Wie sollen sich die Wähler also verhalten? Alle 4 oder 5 Jahre in die Wahlkabine gehen und dazwischen in grenzenlosem Vertrauen versinken, dass die da oben schon alles richtig und in seinem Sinne machen? Für mich das Verhalten einer Schafherde. Oder sich ausmalen, warum und in welchem Sinne etwas beschlossen wird, wem es nützt und wem es schadet, wer das Für und wer das Wider spüren wird? Für mich ist letzteres ein ganz normales Verhalten und teil einer Kontrolle durch das Volk, die zu einer Demokratie gehört wie die Arbeit der Opposition und investigativer Journalisten (gibt es die noch?). Die Frage „Cui Bono“ ist eine natürliche und muss erlaubt sein, doch auch dieser Begriff wird hauptsächlich negativ gesehen und immer mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Ein Nachdenken über die Vorgehensweise der Politik ist immer Spekulation, der Wissensvorsprung ist ja da und daraus folgt eben auch, das nicht alles, was man sich vorstellt, belegbar ist, bevor es umgesetzt wird. Falsch, darüber nachzudenken, es für wahrscheinlich zu halten, darüber zu diskutieren und es von Fall zu Fall auch mal verhindern zu wollen, ist es deswegen noch lange nicht. Der Wissensvorsprung wird heute ja auch zum Teil schon auf die Abgeordneten der Parlamente ausgedehnt: Die TTIP-Verhandlungen laufen im Geheimen ab, die Leseräume für die Abgeordneten, die wirklich Einblick haben wollen, sind nur zögerlich eingerichtet worden und mit einem widrigen Regelwerk versehen.

Ich würde „Verschwörungstheorie“ als Spekulation über Intentionen und Strategien der Mächtigen definieren. Deswegen sind sie erstmal nicht schlecht: nur der Dumme wird sich zum Thema Politik immer denken „Passt schon so“, der Kluge wird sich ausmalen, was warum und wie passieren wird, und ob das gut für ihn ist. Es sind also im Allgemeinen gerade die Denker und Informierten, die die Vorgehensweise der Politik hinterfragen, nicht die Dumpfen. Das man nicht alles belegen kann ist eben so, im Gegensatz zur NSA weiß ich eben nicht, mit wem Frau Merkel worüber telefoniert. Deswegen ist es trotzdem legitim, Annahmen zu machen und Prognosen zu wagen.

Ein gutes Beispiel, auch weil man heute ohne Aufregung darüber reden kann, ist das Kennedy-Attentat: Keiner wird in unserer Zeit noch die Chance haben zu belegen, ob der Bericht der Warren-Kommission, die Lee Harvey Oswald als Einzeltäter herausgestellt hat, zutreffend ist oder nicht, das wird wahrscheinlich nie ans Licht kommen. Wie viele andere bin ich auch geneigt zu glauben, dass er wahrscheinlich nicht alleine war, sein kann es natürlich trotzdem. Leidenschaftlich für die eine oder andere Interessengruppe zu plädieren, die ihn wahrscheinlich beauftragt hat, kann man machen, es ist aber nicht sehr sinnvoll, da für die heutige Politik auch keine Konsequenzen mehr daraus erwachsen, es ist eine „kalte Verschwörungstheorie“. Darüber nachzudenken ist aber trotzdem nicht verkehrt: „Was war die Politik Kennedys, wer waren die Gegner von davon und wer hat von dem Attentat profitiert?“, man kann ja aus der Geschichte lernen. Eine Anklage daraus ohne neue Belege abzuleiten, wäre aber fanatisch. Aktuellere Beispiele, die uns mehr betreffen, aber ähnlich gelagert sind, sind das Oktoberfestattentat von 1980 oder NSU-Morde. Gerade im letzteren Fall wäre eine Anklage von Drahtziehern oder Reformen der Geheimdienste, falls sie mit ihren V-Leuten begünstigend gewirkt haben, durchaus noch möglich und sinnvoll.

Nehmen wir mal eine Menge von hundert verschiedenen gängigen „Verschwörungstheorien“ an. Sind alle davon falsch? Sicher nicht! Wenn sich viele Menschen, darunter auch gebildete, gut informierte und umsichtige etwas vorstellen, ist zwangsläufig ein Anteil dabei, der auch zutrifft. Sagen wir im Gedankenexperiment, 15 davon sind richtig und zutreffend. Natürlich sind am anderen Ende welche, die so haarsträubend, unwissenschaftlich und blöd sind, dass jeder der daran glaubt, auch zu recht schief angeschaut wird. Aber ist es richtig, sich diesen Anteil als klassifizierend für den Begriff der „Verschwörungstheorie“ herauszugreifen, um daraus zu schließen, dass alle hundert falsch sind? Damit fallen die 15 richtigen unter den Tisch und werden gar nicht diskutiert, und das ist die Motivation dahinter, alle Spekulationen über Strategien der Politik verächtlich zu machen. IMHO ist es viel zu wichtig, über die Zutreffenden nachzudenken, als dass man es wegen der Unsinnigen bleiben lässt. Die Unschärfe, was ist zutreffend, was unsinnig, wird immer da sein, sie ist natürlich. Deswegen sollte sie nicht vom Denken abhalten.

Die entscheidende Frage ist, was kommt nach dem Denken: Wenn es eine zementierte Meinung ist, die ohne weiter Belege die Politik pauschal verurteilt und aus dem Bewusstsein, schon recht zu haben, unreflektiert und undemokratisch Änderungen fordert, dann ist das sicher kontraproduktiv und verächtlich. Aber das war immer schon so, auch ohne den Begriff der „Verschwörungstheorie“. Einschätzungen über die Strategie der Mächtigen, die politische Diskussionen und Prozesse anstoßen, sind es aber nicht.

Das hätte auch in der Sendung gesagt werden können, statt nur die Klischees zu illustrieren.

Glyphosat im Breitbandeinsatz

Das weitverbereitete Totalherbizit Glyphosat, auch bekannt unter dem Markennamen „Roundup“ ist in letzter Zeit ins Gerede gekommen. Hieß es jahrelang, das Mittel sei bienenverträglich und generell unschädlich für alles was nicht Pflanze ist, gibt es mehr und mehr Studien, die Zusammenhänge mit Krebs herstellen und wohl auch belegen. Die EU-Mitgliedsstaaten haben darüber abgestimmt, Deutschland enthielt sich dabei sehr „weise“, deswegen war das Ergebnis bislang unbestimmt.. Hängt vielleicht mit dem Übernahmenpoker von Monsanto zusammen: Der deutsche Bayern-Konzern will den amerikanischen Monsanto Konzern übernehmen, desses wichtigstes Produkt eben dieses Roundup ist. Sehr verwunderlich: Bayer bietet 55 Milliarden Euro für eine Firma, deren wichtigstes Produkt gerade verboten wird? Eben nicht: Die EU-Kommission wird heute die Zulassung verlängern, die Sorgenträger stehen dabei nicht im Mittelpunkt.

Ich gestehe: ich nehme dieses Mittel auch ab und zu im Hausgarten um gegen Giersch und andere unbesiegbare Gartenunkräuter anzugehen. Dies aber sehr gezielt (langer Pinsel und Farbstoff mit Handauftrag) und in geringen Mengen. Im Hausgarten hat man auch gar keine andere Chance, denn wenn ein Hauch RoundUp auf andere liebgewonnene Pflanzen, Sträucher und Bäume gerät, merkt man schnell, was Totalherbizid heißt 🙁 Das kleine Fläschchen mit dem Mittel reicht mir jetzt schon 20 Jahre, deswegen ist mein schlechtes Gewissen wegen der an und für sich nicht erlaubten privaten Verwendung gering. Vielleicht hat es sich ja schon zersetzt und wirkt gar nicht mehr so richtig?

Anders sind aber die Verhältnisse in der Landwirtschaft: Wie großflächig und vielseitig hier große Mengen in die Fläche kommen, in Deutschland auf 40%, schildert der Beitrag gut. Da werden möglich Schadwirkungen sehr plausibel.

http://www.deutschlandfunk.de/glyphosat-in-der-landwirtschaft-da-wird-jaehrlich-wirklich.697.de.html?dram:article_id=357713

Weiterer Artikel:

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-05/pflanzenschutzmittel-glyphosat-risiko-krebs-eu-verbot