Schulranzen: Teuer, häßlich, mit Verfallsdatum

Gerade bin ich durch einen Artikel im Spiegel, über ein Architektenehepaar, das erfolgreich eigene Schulranzen fabriziert, an eines meiner Lieblings-Grantler-Themen erinnert worden: Die Schulranzenmode.

Der Preis

Schon bei meinen beiden Jungs habe ich es erlebt: Die Einschulung ist ein feierlicher Akt und wird durch den Kauf eines Tornisters für die Schule vorbereitet. Oft sagen die Großeltern die Finanzierung des Kaufes zu, genauso sind auch die „Oma-Preise“: Für ein „Set“ eines der angesagten Hersteller aus Ranzen, Sporttasche, Mäppchen und Geldbeutel zahlt man gerne mal 200 Euro, das sind über 23 Arbeitsstunden auf unseren Mindestlohn bemessen. Brauchen tut man eigentlich nur den Ranzen, alles andere wäre leicht separat zu kaufen oder ist bereits im Haushalt vorhanden. Der Turnbeutel wäre wahrscheinlich aus Jute sogar sinnvoller. Man vergleiche dies mal mit den Preisen für billige Reisetaschen und Rucksäcke aus chinesischer Produktion, von den Materialien her durchaus vergleichbar (ein Beispiel), da fällt nur ein Bruchteil an. Auf einem Touristenmarkt rund um die Welt kann man sowas für einzelne Euro erstehen, wenn auch nicht in Top-Qualität. Vielleicht glaubt man ja, die erfolgreiche Schulkarriere lässt so sich erkaufen, auf jeden Fall ein Musterbeispiel für ein überteuertes Produkt.

Die Gestaltung

Auf den Ranzen für die Mädchen prangen Prinzessinnen, Einhörner, weiße Pferdchen und Blümchen meist auf rosa, auf denen der Jungen Raketen, Rennwagen, Saurier und Fußballspieler meist auf blau. Zu der Frage ob diese alberne Geschlechtertrennung so sein muss, müsste ich einen eigenen Post verfassen, das lasse ich hier mal weg.  Bei lizenzierten Motiven frage ich mich, ob die Lizenzkosten den Materialwert nicht manchmal übersteigen. Die Motive sind so gewählt, dass sie für einen Erstklässler ganz toll sind, aber für ein Kind in der 4. Klasse bereits so kindisch scheinen, dass es seinen Ranzen entweder hassen wird oder nicht mehr benutzen will. Der Folgekauf ist vorgegeben.

Die Haltbarkeit

Ich hatte vor fast 5 Jahrzehnten einen Schulranzen aus Leder im Querformat mit Metall-Schließen. Da ich nicht so der große Wegwerfer bin, liegt er im Keller noch bereit und wäre sofort zu benutzen, hat ein zwar ein paar Kratzer, ist aber noch genauso wie damals, obwohl ich ihn lange, auch noch in der Unterstufe des Gymnasiums, benutzt habe. Die zeitnahen Markenranzen meiner Jungs waren bereits in der dritten Klasse unansehlich bis Schrott: etwas verformter Rahmen, schlecht schließende verknautschte Deckel, verschlissene Klettverschlüsse, verschmutzte Dekore. Ist auch konsequent, wenn sie nicht lange halten, da sie ja eh bald weg müssen, siehe Gestaltung.

Die Lösung

Es gibt wahrscheinlich keine. Vergeblich habe ich kurz versucht, für meine Tochter Hanna meinen Lederschulranzen zu bewerben, das wäre im wahrsten Sinne des Wortes Old-School (aber bei Waldorfschulen angesagt)  und war so weder bei Tochter noch Mutter zu machen. Individualität ist bei den Dekors der Schulranzen wichtig, wird aber bei einem Lederschulranzen seltsamerweise zum Aussenseitertum. Der Kauf der auf das Dekor verzichtenden Kundschafter-Ranzen bei dem Architektenpaar des zitierten Artikels, das diesen Markt sehr geschickt als lukrativ erkannt hat, ist zwar sehr exklusiv und etwas elitär, aber auch nicht wirklich günstiger. Ein mir sympatischer Ansatz wäre es, den lässigen Rucksack, der spätestens ab der 4. Klasse eh benötigt wird in einem geeigneten Design schon ab der ersten Klasse zu benutzen, damit ist man aber natürlich auch schon wieder „anders“.

Unsere Lösung war der Kauf eines günstigen Herlitz-Schulranzens mit relativ unauffälligem Muster im Bürogroßhandel, da war er bezahlbar und der Preis reell, da der Aufschlag für die angesagte Marke und den Einzelhandel genauso wie die Lizenzkosten für das Dekor wegfallen. Unsere Tochter hat nicht darunter gelitten, der Ranzen erfüllt seinen Zweck sehr gut. Ein funktioneller Rucksack wird trotzdem folgen müssen, ist gut für das Wirtschaftswachstum.