Verständnis für die GDL

Beobachtet man den medialen Umgang mit dem Bahn-Streiks der GDL, reibt man sich verwundert die Augen: Da gibt es nur empörte Bahnkunden nahe am Volksaufstand, Wirtschaftvertreter die Milliardenschaden ausrechnen und Politiker, meist aus der „großen Arbeitnehmerpartei“, die zwar stets die Tarifautonomie betonen, aber sogleich voller Neutralität die Vokabeln „Verhältnismäßigkeit“, „Mißbrauch des Streikrechts“, „Boden überspannt“ führen. Hierzu hat sich wirtschaftundgesellschaft.de bereits Gedanken gemacht:

http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/2014/11/gdl-bahnstreik-eindimensionale-sicht-der-medien-erschreckend-und-weit-weg-von-der-wirklichkeit/

Ein Kommentar im DLF von Stefan Römermann spricht mir aus der Seele:

 

Bei allem Verständnis für die vielen Pendler und Bahnkunden, die derzeit wieder sehr darunter leiden: Die GDL hat das Recht für Ihre Interessen zu streiken und ich wünsche Ihr einen Erfolg, auch wenn ich es bei der politischen Gemengelage nicht erwarte. Ich denke:

  • Lokführer waren mal Beamte. Wenn es so wichtig ist, dass sie nicht streiken dürfen, hätte man dies beibehalten sollen. Natürlich erzeugt dieser Streik finanzielle Einbußen und Unbequemlichkeit. Doch was wäre es für ein Streik, wenn er dies nicht tun würde?
  • Lokführer verdienen nicht so viel, das ist bereits auch von Streikgegnern anerkannt. Ein Übersicht über Europa zeigt dies auch im Ländervergleich.
  • Wenn die GDL Mitglieder auch bei den Zugbegleitern etc. hat, soll sie sie vertreten dürfen. Wenn diese sich bei den anderen Gewerkschaften nicht so gut vertreten fühlen, so ist es eben pluralistisch und „marktkonform“, die Gewerkschaft frei wählen zu können. Diese sollte dann auch verhandeln und streiken dürfen.
  • Nicht nur die GDL, auch die Bahn hat sich nicht kooperativ gezeigt und den Streik mit herbeigeführt. Ich denke das ist auch gewollt so: Die SPD, die die Privatisierung der Bahn stets vorantrieb (Mehdorn war stets ein SPD Mann), will gerade auch durch Frau Nahles die Tarifgesetzgebung verändern. Da kommt dieses Exempel gerade recht.
  • Die beklagte Zersplitterung und Uneinheitlichkeit bei mehreren Abschlüssen, die hier befürchtet wird, ist auf der Arbeitgeberseite schon lange so, und dort gewollt. Austritte aus dem Tarifverbund, Verträge mit „christlichen Scheingewerkschaften“ sind hier zu nennen. Wenn man sie für so schädlich hält, müsste man sie auch da verhindern, wie das mit den christlichen Gewerkschaften auch schon Arbeitsgerichtlich geschehen ist.
  • Die Forderungen der GDL werden als Verirrung des ebenso maßlosen wie geltungssüchtigen Bundesvorsitzenden Claus Weselsky dargestellt, die 91% Zustimmung in der Urabstimmung immer mal wieder in Abrede gestellt. Gern präsentierte „interne Kritiker“ dienen als Begründung dazu. Dieses Strategie, die berechtigten Interessen einer großen Gruppe in den Wahn eines „bösen“ Einzelnen zu verwandeln, kennt man bereits von Russland und Putin. Ein übler Artikel im Focus zeigt dies sehr schön: Da wird auf sein Eigenheim verwiesen, vielleicht als Einladung für alle, die da mal vorbeischauen wollen…

Vielleicht schadet es nicht, der GDL auch mal etwas länger zuzuhören:

Update 07.11.2014: Sehr schönes extra3 Video zum Thema, „ein typischer Bahnstreik-Bericht“:

Update 10.11.2014: zeit.de Artikel „Die verlorene Solidarität“:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-11/streik-gdl-gewerkschaft-solidaritaet/komplettansicht

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bahnstreik-beamte-als-lokfuehrer-erleben-neue-wertschaetzung-a-1001718.html

Update 11.11.2014 flassbeck-economics.de in einem ausführlichen Artikel:

http://www.flassbeck-economics.de/der-lokfuehrerstreik-das-law-of-one-price-und-europa/

Update 28.11.2014: Ein sehr überzeugendes Portrait in der FAZ von Person Wesselsky und GDL-Streik:

http://www.faz.net/aktuell/politik/portraets-personalien/gdl-und-streik-chef-claus-weselsky-im-portrait-13281249-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2