Enthauptung in Australien

Wie gestern berichtet wurde, fand in Australien eine große Razzia mit 25 Durchsuchungen durch 800 Polizisten statt, 15 Männer wurden festgenommen, einer davon angeklagt. Der Grund, ich zitiere: „IS-Terroristen haben in Australien offenbar geplant, zufällig ausgewählte Opfer vor laufender Kamera zu enthaupten.“ Meine Aufmerksamkeit gilt immer bestimmten Signalwörtern, in diesem Fall dem „offenbar“. Fällt dieses, ist es immer eben nicht offensichtlich, sondern nur behauptet und kann nicht nachgeprüft werden. Schön, dass es im Englischen gemäß leo.org auch mit „apparently“, „scheinbar“ übersetzt werden kann, würde man an diesen Stellen immer „scheinbar“ setzen, träfe es viel besser.

Denkt man darüber nach, will man es nicht glauben. Was würde es IS nützen, solches zu tun? Terrorakte vor Ort im Gebiet der IS machen Sinn in deren Augen, da sie Eindringlinge vertreiben und Journalisten oder Mitarbeiter von unerwünschten NGOs abschrecken und an der Arbeit hindern. Ein Anschlag im bisher relativ unbeteiligten Australien würde die Situation der IS nur verschlechtern, der Einsatz von Bodentruppen durch USA und andere Länder wäre dann wahrscheinlich.

Grund für solche Meldungen ist IMHO, dass der „westlichen“ Bevölkerung Ängste und Abwehrhaltung plausibel gemacht werden. Al Qaida ist tot, aber die IS ist Gottseidank viel schlimmer, heißt hier die Devise. Mit einer solchen Bedrohung in unseren Großstädten lässt sich ein Bombardement im fernen Irak viel leichter begründen, ebenso wie umfangreiche Befugnisse der Geheimdienste und die ungezügelte Überwachung unser aller Kommunikation.  Die Wirkung lässt sich leicht an den Leser-Kommentaren des TS-Artikels ablesen: Neben vielen besonnen Kommentatoren gibt es nicht wenige, die ein heftiges Draufschlagen auf die IS fordern, andere fordern gar eine „Entschuldigung“ von den Gegnern von Überwachungsmaßnahmen.

Eine Meldung, die die Vorwürfe konkretisiert, bestätigt oder als unbegründet ausweist, wird wie immer unterbleiben. Die Information ist hier meist sehr spärlich, wenn überhaupt, nur dann, wenn die Zuhörer den Vorgang bereits vergessen haben, nie in den Überschriften, nur tief im Text verborgen.

Ebenso wenig konkret ist die Rechtslage und die Beweislage für die Vorwürfe: Die Männer hätten etwas geplant, heißt es, tatsächliche Handlungen gibt es nicht. Zitat: „Wir hatten sehr konkrete Informationen, dass ein Australier, der eine führende Rolle im Netzwerk des islamischen Staates spielt, einen Mordauftrag erteilt hat“, sagte Australiens Premierminister Tony Abbott. „Das war nicht nur ein Verdacht, sondern ein klarer Hinweis. Deshalb sind Polizei und Sicherheitsdienste so massiv vorgegangen.“

Ein ungenannter „Hinweis“, eben nicht ein vorliegender „Beweis“. Von dem Hinweis wissen wir natürlich nichts, kein Telefonmitschnitt wird je zu hören, keine Email je zu lesen sein, selbstverständlich aus Gründen der Geheimhaltung, um andere Ermittlungen nicht zu behindern. Zur Rechtslage: Stellen sie sich vor, ein SEK holt sie aus der Wohnung, es wird Ihnen keine Tat sondern die Planung einer „Enthauptung“ vorgeworfen, die Hinweise dazu kommen aus irgendeiner ihnen nicht vorliegenden Überwachung elektronischer Kommunikation, durch geheimdienstliche Stellen. Wie wiesen sie Ihre Unschuld nach, wie ist die Strategie dazu? Eine Justiz, in der immer häufiger Pläne und Absichten zu Straftatbeständen werden und nicht begangene Taten, kann mir schon Angst machen.

Auch was die Justiz betrifft, werden wir kaum von Ergebnissen hören, wer eine Meldung finden wird, ob die anderen 14 Festgenommenen auch angeklagt werden und wie das Ergebnis der Anklagen ist, ist ein guter Rechercheur, für die Headlines sind diese Meldungen nie gemacht.

Meine Angst in München durch die IS enthauptet zu werden ist sehr gering, meine Befürchtungen einer in Kürze kommenden Gaspreiserhöhung und anderer negativer Folgen, bedingt durch die Handhabung der Ukraine-Krise, dagegen sehr konkret. Enthauptet zu werden, wäre wohl viel billiger.

Die TAZ kommentiert:

Ob es den Plan wirklich so gab, ist derzeit nicht zu beurteilen. Sicher aber ist: Die Vorstellung löst Angst aus. Plötzlich, so die Message, sind die Enthauptungen, die entfesselte Gewalt, nicht mehr weit weg, sondern bedrohen uns da, wo wir leben. Und daran, an der Verbreitung von Angst, haben beide ein Interesse: sowohl die Terrorgruppe des Islamischen Staats als auch die Sicherheitsbehörden.

Es fällt ja schon auf: Bei jedem Lebensmittelskandal, bei jedem Unfall in einem Atomkraftwerk stehen augenblicklich Politiker parat, die versichern, „zu keinem Zeitpunkt“ sei die Bevölkerung auch nur irgendwie gefährdet gewesen. Alles unter Kontrolle, niemand muss sich Sorgen machen. Bei mutmaßlich verhinderten Terroranschlägen hingegen ist die Message eine andere: Das war verdammt knapp, wir müssen noch mehr tun.

Update 30.09.2014: Fast zwei Wochen sind vergangen, ohne dass wir neue Erkenntnisse zu dem Vorgang lesen konnten. Anbei ein guter Artikel in den Nachdenkseiten zum Gebrauch von Feindbildern:

nachdenkseiten.de: Die Funktion des Feindes