Archiv für den Monat: Juli 2014

Flugverkehr über Kriegsgebiet

Zu dem traurigen Absturz des zivilen Verkehrsflugzeuges MH17 über der Ost-Ukraine wird derzeit viel berichtet. Wieder mal ein Thema, wo man auch mit Distanz wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit erfahren wird. Die Propaganda beider Seiten hat die Erkenntnisse natürlich jeweils schon nach Minuten und Stunden.

Trotz der vielen Expertenmeinungen, Geheimdiensterkenntnisse und Korrespondentenberichte kommt ein Thema relativ kurz: Warum fliegt eine Verkehrsmaschine über ein Gebiet, das als Kriegsgebiet bekannt ist, und aus dem keine 48 Stunden zuvor der Abschuss großer Transportmaschinen gemeldet wurde?

Hier haben Routenoptimierungen und Einsparungspotentiale offensichtlich ein sehr hohes Gewicht gegenüber der Sicherheit der Passagiere. Geradezu lächerlich muten die Rituale um Nagelscheren und Parfüm-Flüssigkeiten der Passagiere beim Check In an, wenn dann die Fluggesellschaften Kriegsgebiete mit hoher Gefährdung aus Spritspargründen überfliegen. Nicht nur malaysische Fluggesellschaften sind es, auch ein Airbus der Lufthansa passierte das Gebiet 10 Minuten vor dem mutmaßlichen Abschuss der MH 17, während andere Gesellschaften Umwege der Sicherheit halber in Kauf nehmen.

Hintergründe in http://www.nachdenkseiten.de/?p=22433

Update 03.08.2014:
Stimmen dazu gesammelt von WDR Monitor:

http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/todesflug102.html

Willy Wimmer: „Alarmstufe Rot“

Viele elder Statesmen beziehen zum Ukraine-Konflikt eine sehr kritische Position, und dies parteienübergreifend. Beachtung finden diesen wohlbegründeten Meinungen erstaunlicherweise kaum.

Heute möchte ich einen Text von Willy Wimmer, einem ehemaligen verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung, Vize OSZE Präsident, verlinken. Wenn man sich seine Vita betrachtet, ordnet man ihn bestimmt nicht der der linken Ecke zu, er wird aber wegen seiner kritischen Position von den nachdenkseiten veröffentlicht:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=22379

Großoffensive in Gaza

Meldung vom 10.07.2014 im DLF:

Angesichts des Konfliktes zwischen Israel und der Hamas hat UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon beide Seiten zu Zurückhaltung aufgerufen. Die jüngste Entwicklung berge das Risiko, in einen ausgewachsenen Krieg auszuarten, warnte Ban in New York. Der Gazastreifen stehe auf Messers Schneide. Heute befasst sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der Lage. Die Bundesregierung stellte sich in dem Konflikt hinter die Regierung in Jerusalem. Bundeskanzlerin Merkel verurteilte den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. Bei mehreren neuen Luftangriffen der israelischen Streitkräfte auf Ziele in dem Palästinensergebiet kamen auch in der vergangenen Nacht Menschen ums Leben. Jetzt ist von fast 70 Opfern seit Beginn der Offensive am Dienstag die Rede. Die radikal-islamische Hamas feuerte ebenfalls wieder Raketen auf Israel. Ziel war dabei offenbar auch ein etwa 70 Kilometer südöstlich des Gazastreifen gelegenes Atomkraftwerk. Schaden entstand nach israelischer Darstellung nicht.

70 Opfer seit Beginn der Offensive im Gaza-Streifen, dieser wird militärisch in Trümmer gelegt, auch Wohnhäuser sind Ziel. Wie viele Opfer gibt es auf der Gegenseite? Unsere Bundeskanzlerin verurteilt den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen, dessen Ziel „offenbar ein Atomkraftwerk“ war, an dem es aber keine Schäden gibt. Wie ist es denn dann für uns „offen bar“? Schon im früheren Post von 2012 habe ich die Ungleichheit in der Berichterstattung beklagt. Keine zwei Jahre ist die letzte Offensive her, dieses Post könnte ich heute genau so wieder verfassen, nur der Zeitpunkt und der Anlass ist ein anderer. So sehen diese Qassam-Raketen, die Atomkraftwerke beschädigen sollen, aus:

Qassam-Raketen; Foto Marek Peters, Quelle wikipedia

Qassam-Raketen; Foto Marek Peters, Quelle wikipedia

Ich verurteile selbstverständlich den Einsatz dieser Raketen gegen Israel. Splitterbomben mit einigen Kilogramm TNT sind keine Kleinigkeit für die betroffenen Menschen in Israel. Dabei bezweifle ich aber folgendes:

  • Die Verhältnismäßigkeit des großräumigen israelischen Einsatzes mit High-Tech Waffen ganz anderen Kalibers und Zerstörung der Infrastruktur im Gazastreifen gegenüber den Selbstbau-Geschossen der Palästinenser.
  • Den Willen der Israelis, statt großflächiger Gewalt eine Verhandlungslösung durchzusetzen.
  • Dass der Qassam-Raketenbeschuss der wirkliche Anlass für die Offensive ist

Gerade der letzte Punkt verdient Beachtung: Die drei israelischen Jugendlichen wurden ermordet was zu umfangreichen Ermittlungen unter den Palästinensern führte, die dabei nicht immer rechtsstaatlich korrekt behandelt wurden. Dieses Vorgehen resultierte in Unruhen und einem verstärkten Beschuss mit Qassam-Raketen. Nach dem vermutlich aus Rache geschehenen Mord an einem Palästinenser-Jungen ist die Empörung jedoch abgeflaut. Nun dient der Qassam-Beschuss als Rechtfertigung für die Offensive.

Beides sind aber nur vorgeschobene Gründe. Die eigentliche Ursache ist die Einigung von Hamas und Fatah, die in Israel kritisiert wurde, international aber eher bereitwillig akzeptiert worden ist. Diese stellt den Verhandlungsprozess auf eine neue Basis: Die beiden räumlich und ideologisch getrennten Parteien im Westjordanland und Gaza finden zu einer gemeinsamen Position und sind ein stärkerer Partner mit mehr diplomatischem Gewicht in kommenden Friedensverhandlungen. Nach der Anerkennung von Palästina durch die UN als beobachtendes Mitglied und dem teilweisen Abrücken der USA als klassischen Verbündeten (US Außenminister Kerry sprach von einem Apartheids-Staat) ebenso wie der EU von der Politik Israels, ist dies ein weiterer Rückschlag für die israelische Politik. So sehe ich die Offensive (nicht Gegenoffensive!) Israels vor allem als Versuch, durch eine Schwächung der Palästinenser neue Fakten zu schaffen und innenpolitisch zu punkten.

Zwei gute Interviews im Deutschlandfunk stellen die Vorgänge ganz aktuell dar.

DLF Interview vom 09.07.2014 mit dem früheren israelischen Botschafter Shimon Stein: „Eine Besetzung wäre ein fataler Fehler“

DLF Interview vom 10.07.2014 mit Khouloud Daibes, Leiterin der palästinensischen Mission in Berlin, mit scharfer Kritik an Israel

Aufregung um Aperture

Für die Fotoentwicklung aus dem RAW-Format meiner Kamera, einer Nikon D300 (fast hätte ich betagt geschrieben) benutze ich Adobe Lightroom. Da ich den Rechner, auf dem das läuft, aber gerade konsequent von Windows 7 auf Linux umstelle (mehr dazu mal in einem eigenen Post), werde ich auf Darktable umsteigen, was einen sehr vielversprechenden ersten Eindruck macht.

Da habe ich mit Erstaunen vernommen, das Apple den ewigen Lightroom-Konkurrenten Aperture einstampft. Ich habe ihn nie benutzt und da ich keiner der zahlreichen Apple-Fanboys bin, hat mich der, zugegeben schon sehr polemische, Kommentar auf heise.de amüsiert:

http://www.heise.de/foto/artikel/Kommentar-Hurra-Aperture-ist-endlich-tot-2250075.html

Recht passend fand ich neben vielen Empörten auch den folgenden Kommentar dazu:

http://www.heise.de/forum/Foto/Kommentare/Kommentar-Hurra-Aperture-ist-endlich-tot/Walldorf-zu-Statler-so-Das-hat-mir-gefallen/posting-2148208/show/

Faule Äpfel

Der Mindestlohn sei wie „ein roter Apfel, der auf einer Seite verfault ist“. So kritisiert die Vorsitzende des Forum Demokratische Linke, kurz DL21, das Vorgehen beim jüngsten politischen Projekt. DL21 ist das wichtigste Forum der SPD-Linken, bei dem Frau Nahles einmal Vorsitzende war, und aus dem sie jetzt wegen dieser Kritik an ihrer Politik ausgetreten ist.

Frei nach Müntefering: „Große Koalition ist Mist“. So kann auch ich mich der obigen Aussage anschließen. Wie wenig man auch innerhalb der Parteien mit den Ergebnissen der Großen Koalition zufrieden sein kann, zeigen die beiden folgenden Artikel sehr schön:

Thema Mindestlohn:

http://www.sueddeutsche.de/politik/streit-um-mindestlohn-spd-linke-steht-vor-der-spaltung-1.2031702

Beim Thema EEG ganz ähnlich:

http://www.freitag.de/autoren/julian-heissler/die-neinsager

Christoph Süß im schönen Süßstoff vom 05.07.2014 illustriert hierzu die Widersprüche beim Mindestlohngesetz:

Wider den Routerzwang

Schöne neue Welt: Während beim klassischen DSL Anschluss die Wahl beim Kunden liegt, was am für ein Gerät am Splitter hängt, ist bei den Anschlüssen der nächsten Generation, Kabel oder Glasfaser, nur ein vom Provider vorgeschriebenes Modell zulässig. Dies hat für den Provider viele Vorteile, für den Verbraucher fast nur Nachteile:

  • Kostengünstige oder leistungsfähigere Modelle können nicht in Betrieb genommen werden. Nicht nur im professionellen Umfeld ist dies ein großer Nachteil, den ich in meiner Arbeit immer wieder beobachten kann.
  • Die günstige und aggressiv beworbene Monatspauschale für das Internet wird klammheimlich um eine Mietgebühr für den Router ergänzt, die nur im Kleingedruckten steht. Diese trägt aber nennenswert zu den Kosten bei, und ist viel variabler vom Provider zu steuern.
  • Orwell 2.0: Mit einem Zwangsgerät, dessen Eigenschaften ich nicht nachprüfen kann, ist eine unbemerkte Überwachung leicht möglich. Ebenso wie die sogenannten „intelligenten Stromzähler“ sind diese Geräte trojanische Pferde im eigenen Haus, die jegliche Information über Nutzungsgewohnheiten und den Netzverkehr zum Provider oder weiter zu BND und NSA liefern können.

Die Proteste dagegen sind also sehr verständlich. Doch die Politik und die Bundesnetzagentur hören mehr auf die Lobbyisten, wie die beiden folgenden Artikel gut im Detail belegen:

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Transparenzverordnung-kommt-Routerzwang-bleibt-2249972.html

http://www.golem.de/news/chaos-computer-club-bundesnetzagentur-schafft-routerzwang-nicht-ab-1403-105442.html

„Wir wollen keine Konfrontation, wir wollen zwingen“

„Wir wollen keine Konfrontation, wir wollen Russland zwingen…“ sagte heute Andreas Schockenhoff, stellvertretender Unionsfraktionschef im Bundestag, im DLF-Interview.

Ist Sprache nicht immer wieder entlarvend? Ist den Zwang weniger als Konfrontation? Hier ist mal wieder ausführlich ein Scharfmacher zu Wort gekommen, der Russland ausgiebigst als Verlierer dargestellt hat, der jetzt „liefern muss“. Dies verklärt die Verhältnisse sehr. Meine Gegendarstellung:

Die Gewinner der Ukraine-Krise:

  • Die USA, die mal wieder ihrer globalen politischen Interessen vertreten haben und eine zu weite wirtschaftliche Annäherung Europas an Russland und damit auch eine mögliche Emanzipation Europas zu größerer Vielseitigkeit verhindert haben. Eine klassische Anwendung von „Teile und herrsche“.
  • Russland, da es sich dem Erosionsprozess seiner Verbündeten erstmals effektiv entgegen gestellt und sich damit auf der Bühne der Großmächte zurückgemeldet hat. Es hat sich außerdem ohne Anstrengung die strategische wichtige Krim mit ihren Stützpunkten gesichert. Dies war zwar völkerrechtlich nicht korrekt, ebenso wie zuvor die Abspaltung des Kosovo von Serbien, aber eben genauso billig für Russland wie für den Westen. Russland wird auch Erträge mit Europa verlieren, in welchem Maß wird sich noch herausstellen, kann diese aber auf den boomenden asiatischen Märkten eher ausgleichen.
  • Die Bewohner der Krim, die, wie ich überzeugt bin, wirklich mehrheitlich zu Russland wollten. Sie sind der instabilen Lage in der Ukraine entkommen und können wirtschaftlich prosperieren.

Die Verlierer der Ukraine-Krise:

  • Allen voran die Bevölkerung der Ukraine : Keines ihrer Probleme ist gelöst worden, viele sind neu hinzugekommen. Große wirtschaftliche Missstände kurz vor der Pleite, kriegerische Auseinandersetzungen untereinander mit Ähnlichkeit zum Bürgerkrieg im Osten, unsichere Regierungen von Oligarchen mit Beteiligung von rechten nationalistischen Parteien, wirtschaftliche Abhängigkeit von räumlich weit entfernten „Partnern“ in der EU. Kein Nährboden, auf dem Sicherheit, Wohlstand und Ruhe gedeiht.
  • Europa als Zahlmeister der Situation. Die Ukraine ist ohne große wirtschaftliche Hilfe kurz- und mittelfristig nicht überlebensfähig. Diese Hilfe wird vor allem von der europäischen Bevölkerung bezahlt werden, während eventuelle zukünftige Erträge aus Wachstum und Investitionen nicht in gleichem Maße zurückfließen. Alleine die Situation auf dem Gasmarkt ist kritisch: Wird die Ukraine nicht mehr von Russland beliefert, muss sie (ohne eigene Mittel, mit unseren Krediten) ihre Energie aus anderen Märkten beziehen. Dies wird die in letzter Zeit entspannte Situation auf dem Markt für fossile Brennstoffe wieder anheizen, auch wir werden dann mehr bezahlen. Jeder, und vor allem die, die mit Gas heizen, soll sich fragen, ob seine politischen Vertreter hier in seinem Interesse handeln. Das „Cui bono?“ hierzu wäre einen eigenen Artikel wert.
    Die wirtschaftlichen Verhältnisse werden unter der Verschlechterung der Beziehungen zu Russland leiden, auch wenn die bisherigen unbedeutenden Sanktionen noch nicht dazu geführt haben. Diese gewollte Verengung des Marktes wird nicht zu unseren Gunsten ausfallen.

Die Krise wird auch immer als eine kurzfristige, vor allem durch Putin’s Herrschaft verursachte, dargestellt. Dabei wird die Ukraine schon lange gewollt destabilisiert, wie dies schon vor und während der orangenen Revolution sichtbar geworden ist. Putin hat zwar kaltschnäuzig seinen Nutzen aus dem resultierenden Chaos gezogen, ist aber viel weniger dessen Ursache.

http://www.deutschlandfunk.de/ukraine-konflikt-russland-muss-liefern.694.de.html?dram:article_id=290842