Was ist Meldung für die Ukraine

Heute morgen wieder ein Lehrstück in den Medien: Virtuelle und unwichtige Meldungen werden über reale Meldungen gesetzt, wenn diese nicht passen.

Der Hintergrund: Gestern ist in der Ukraine die Regierung geplatzt und Ministerpräsident Jazenjuk unter Protest zurückgetreten. Ein wichtiger Wendepunkt in der ukrainischen Geschichte, da dies in einer Bürgerkriegssituation zu Neuwahlen führt. Das Wichtigste, was seit dem Absturz von MH17 passiert ist. Auf jeden Fall wird es für die kommenden Jahre die Geschicke der Ukraine mit bestimmen.

Dies war nur der Tagesschau eine Eilmeldung wert, während sonst bei weit kleineren Ereignissen auf meinem Android-Tablett alle unisono dieses Mittel verwenden, was zuweilen zu lästigem Prasseln führt. Und heute? Auf sueddeutsche.de ist die Meldung in den Schlagzeilen gar nicht zu finden, auch nicht unter Politik. spiegel.de titelt groß „USA werfen Russland Beschuss der Ukraine vor“, nur klein darunter „Machtkampf in Kiew: Regierung der Ukraine tritt zurück“, und während ich den Artikel verfasste, ist auch dies von SPON verschwunden. Die FAZ findet wichtiger „Wieder Wrackteil und Leichen gefunden“. Auch auf tagesschau.de ist die Rücktrittsmeldung nach hinten gerückt, ebenso auf vielen anderen Nachrichtenseiten. Deutlicher könnte es nicht sein, das virtuelle und unwichtige Meldungen über reale gesetzt werden.

Dabei zeigt doch der Rücktritt, wie es weitergeht: Bei den kommenden Neuwahlen werden die kommunistische Partei und die Partei mit den Abgeordneten des einstigen prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch wahrscheinlich verboten werden. Die Menschen im Osten des Landes werden wegen der Kriegssituation gar nicht wählen können. So wird ein Ergebnis erzielt werden, das den beiden ausgetretetenen Parteien Udar des Kiewer Bürgermeisters und Ex-Box-Profis Vitali Klitschko sowie der nationalistisch geprägten Partei Swoboda von Oleg Tjagnibok, dem Präsidenten Poroschenko ebenso wie dem Westen zu pass steht. Diese „demokratisch gewählte“ Regierung wird dann wieder vielen Kommentatoren und Politikern als Legitimation für alle kommenden umwälzenden Entscheidungen dienen. Der Anlass für den Bruch der Koalition zeigt, wohin die Reise geht: „Jazenjuk hingegen kritisierte den Bruch der Regierungskoalition und warnte vor „dramatischen Konsequenzen für unser Land“. Er sei inmitten einer schweren wirtschaftlichen Krise erfolgt. In der Obersten Rada war zuvor ein Gesetz gescheitert, das die Beteiligung ausländischer Investoren am maroden Gastransportsystem der Ukraine möglich gemacht hätte.“

Man kann natürlich unterschiedlicher Meinung sein, ob dies gut für die Ukraine ist. Eine Diskussion darüber ist aber scheinbar nicht gewollt: Bei der SZ findet man die Meldung online gar nicht in den Schlagzeilen. Der Spiegel findet die unbewiesene Behauptung der USA („unter Berufung auf befreundete Geheimdienste, ohne weitere Angaben“) wichtiger, die natürlich, wie praktisch, genau an dem Tag kommt. Die FAZ ist aufgeregt über neue gefundene Wrackteile, bei einer Zone von 20 km² keine so große Überraschung. Ich kann mich noch an den Anfang des Jahres erinnern, da wurde auch noch gemeldet, wenn “Oppositionsführer” Vitali Klitschko vom Schokoriegel abgebissen hat, jetzt stürzt er die Regierung und keiner soll es lesen. Für mich wieder ein Beleg dafür, wie wichtig eine genaue und kritische Informationsbeschaffung aus mehreren Quellen heute ist. Die zum Boulevard neigenden kostenlosen Online-Angebote der großen Printmedien reichen alleine nicht.