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Yes, he did! Zur britischen Unterhauswahl

In den Nachrichten von heute hört man nicht, dass Jeremy Corbyn gewonnen hat, sondern nur dass Theresa May „Fehler gemacht“ und verzockt hat. Naturgemäß sehe ich dies anders: der Labour-Kandidat, der vor kurzem noch als verschrobener, unfähiger und aus der Zeit gefallener alter Mann dargestellt wurde und sich nur durch gute Unterstützung der Basis gegen innerparteiliche Widersacher behaupten konnte, hat seiner Partei eines der besten Ergebnisse aller Zeiten eingefahren, auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat. Über seine Strategie im Wahlkampf mit sozialen und linken Themen zu punkten, die so erfolgreich war, hörte man recht wenig, über Brexit und Terror und die neue Inkarnation von Maggy Thatcher dagegen sehr viel.

Schön, dass dies auch Jens Berger in einem Artikel würdigt:

Quelle: Jez, he did! Die Ära der Alternativlosigkeit ist vorbei | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Siehe hierzu auch einen Schwesterartikel: nachdenkseiten: Was wir von Jeremy Corbyn lernen können

Clinton oder Sanders

Guter Community-Beitrag in freitag.de zu den USA Vorwahlen:

Clinton taumelt über die imaginäre Ziellinie

US-Primaries Die Superdelegierten haben noch nicht gewählt. Dennoch rufen Medien hier und in den USA Hillary Clinton als offizielle demokratische Präsidentschaftskandidatin aus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ernstchen

Update 08.06.2016:
Interview im DLF zum gleichen Thema:
Meldung von Clintons Sieg „kommt möglicherweise zur Unzeit“

AP macht Propaganda

Gerne verlinke ich auf Meldungen von tagesschau.de, ist es doch noch eine der seriösesten Stellen der „alten“ Medien aus den Zeiten vor den Möglichkeiten des Internets mit den meist objektivsten Formulierungen. Heute jedoch möchte ich als Gegenbeispiel mal einen reinen Propaganda-Artikel etwas aus meiner Sicht bewerten. Es handelt sich um:

„Super Tuesday“ der US-Demokraten: Hat Clinton schon gewonnen?
vom 07.06.2016 05:47 Uhr und Vorversion

Alles eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen im doch immer noch relativ wackligen Rennen mit dem Konkurrenten Bernie Sanders um die Kandidatur der Demokraten in USA.  Genau gegen diese doch bestehende Unsicherheit, die ein Makel für Clinton ist, wird angeschrieben.

Gleich im ersten Absatz heißt es:

Hillary Clinton ist die US-Präsidentschaftskandidatur angeblich nicht mehr zu nehmen. Wie die Nachrichtenagentur „AP“ in der Nacht unter Berufung auf eigene Berechnungen meldete, hat die Demokratin die benötigten 2383 Delegiertenstimmen bereits beisammen, um auf dem Parteitag im Juli gekürt zu werden.

Die Kernaussage ist wohlweislich mit „angeblich“ versehen. „AP“ immer in Gänsefüßchen, stützt sich auf eigene „Berechnungen“. Schön, wenn eine Nachrichtenagentur, die normalerweise Nachrichten aufbereitet, auch eigene Nachrichten macht. Weiter heißt es:

„AP“ zufolge geben die sogenannten Superdelegierten – hochrangige Parteivertreter, die sich frei für einen Kandidaten entscheiden dürfen – den Ausschlag. Demnach hat Clinton 1812 normale Delegierte aus den Vorwahlen sicher sowie das Versprechen von 571 Superdelegierten, im Juli für sie zu stimmen.

Die Meldung stützt sich also hauptsächlich auf das von AP prognostizierte Verhalten der Superdeligierten, die nach Erkenntnissen von AP, die uns nicht vorliegen, angeblich für Clinton stimmen werden. Ohne diese Vogelschau auf ein zukünftiges Wahlverhalten ließe sich aus den bestehenden Ergebnissen die Aussage eben genau nicht ableiten.

Die meisten echten Fakten stehen in den nächsten beiden Absätzen (diese sind in der 05:47 Version neu):

Allerdings zeigte sich Clintons verbliebener Rivale im Vorwahlkampf, Bernie Sanders, in einer ersten Reaktion unbeeindruckt. Es sei falsch von den Medien, die Superdelegierten mitzuzählen, erklärt der Senator aus Vermont. Er werde bis zum Parteitag daran arbeiten, diese umzustimmen.

Für Sanders kommt die AP-Meldung trotzdem zur Unzeit. Am heutigen „Super Tuesday“ findet die letzte große Runde der Vorwahlen statt, unter anderem in Kalifornien. Seit Wochen liegt dabei das Augenmerk der Experten auf den Bundesstaat mit fast 40 Millionen Einwohnern, wo Sanders jüngsten Umfragen zufolge Clintons früheren Vorsprung komplett aufgeholt hat. Die Stimmung unter den Demokraten in Kalifornien ist elektrisiert: Den Behörden zufolge haben sich 18 Millionen Menschen als Wähler registrieren lassen, ein neuer Rekord. Allein in den vergangenen sechs Wochen seien 650.000 dazugekommen – drei Viertel davon Demokraten.

Das ist also der Grund für das Vorpreschen von AP: In Wirklichkeit ist es immer noch knapp, jetzt geht es um die Wurst und es soll mit der Meldung noch Stimmung gemacht werden vor dem „Super Tuesday“. Bei dem sieht es eigentlich ganz gut für Sanders aus, da müssen schon unlauter die Superdeligierten herangezogen werden, um was anderes zu schreiben.

Eine andere halbseidene Formulierung, die in einer ersten von mir gelesenen Version noch drinnen war, ist jetzt, während ich schreibe, in der Version von 5:47 entfernt worden. Hier hieß es in etwa, dass viele Demokraten inzwischen verärgert über Sanders sei, da er Clintons Chancen so mindere und sie gegen Trump damit schwäche. Eine eigentümliche Demokratieauffassung bei einem Kopf an Kopf-Rennen zweier Kandidaten. Auch wurde formuliert: Der Vorsprung Clintons sei jetzt schön größer als der von Obama seinerzeit gegen sie. Ebenso Unsinn, da Clinton von Obama denkbar knapp und tragisch aus dem Rennen geworfen wurde, die Größe des Vorsprungs war damals hauchdünn und steht eben viel mehr für das Scheitern Clintons. Der Vergleich mit Obama steht eher dafür, dass Clinton noch verlieren kann, wie damals. Die Nachricht zeigt daher, wie nah Bernie Sanders ist und wie sehr die AP Meldung das „Pfeifen im Walde“ darstellt.

Es spricht wieder für tagesschau.de, diese Propaganda-Sätze wenigsten entfernt zu haben. Ich stelle als Frühaufsteher oft fest, das von den Nacht-Teams relativ herbe Meldungen formuliert werden, die dann am frühen Morgen noch korrigiert werden, gerade in br.de gibt es das häufig. Da müsste ich für einen Artikel wie diesen doch gleich die erste Version kopieren, die, die Anlass dazu gab, fehlt mir jetzt, schade. So ist aus dem Post ein bisschen ein Durcheinander geworden, ich hoffe er bleibt trotzdem verständlich.

Trotz allem melden aber die deutschen Medien heute natürlich rauf und runter, das Clinton schon gewonnen hat und wie unvernünftig Bernie Sanders Wahlkampf doch ist, nur wegen ihm kriegen wir dann doch den bösen Trump statt der braven Clinton. 😉

Update 08.06.2016: Guter Artikel in theintercept.com zum undemokratischen Vorgehen von AP:

Perfect End to Democratic Primary: Anonymous Superdelegates Declare Winner Through Media

Politik ohne Argumente

Als ehemals leidenschaftlicher Kinogänger schaue ich immer noch gerne Filme an, inzwischen aber mehr von der Festplatte als Aufnahme. Zeitversetzt schaue ich schon alleine um die unsäglich langen Werbepausen zu überspringen. Trotzdem habe ich mir neulich mal wieder ein bis zwei Filme mit Werbepausen gegeben. Dabei konnte ich feststellen, dass die Werbung heute kaum mehr Produkteigenschaften nennt. Gerade bei der häufigen Autowerbung geht es fast ausschließlich um Emotion und Status, nicht um „technische Daten“ des Fahrzeugmodells.

Genau so erscheint es mir in der Politik: Selten hört man in den Medien, auf Wahlplakaten oder in den Nachrichten und Magazinen: „Wir wollen, dass…“ verbunden mit einer konkreten Forderung. Alles bleibt oberflächlich, mit allseits akzeptierten Absichtserklärungen („Wir wollen Sicherheit, Wachstum, keinen Krieg…“), die bewusst die Umsetzung offen halten. Selbst Parteiprogramme sind inzwischen so rein gewaschen, dass sich kaum mehr etwas Konkretes entnehmen lässt.

Aktuell schön sichtbar ist es mit der Darstellung des US-Wahlkampfs, die wir derzeit ausführlich in den Medien erleben dürfen. Dabei wäre es alleine schon mal eine Frage, ob das Resultat der Wahl uns in dem Maße beeinflusst, wie der breite Raum der Berichterstattung schon über die Vorwahlen in den Medien suggeriert. Was ändert sich für Deutschland wenn in USA Kandidat A oder B gewinnt? Wird über eine Wahl im Nachbarland Frankreich in einer vergleichbaren Intensität berichtet?

Die zweite Frage ist, was erfahren wir wirklich über die Kandidaten und deren Programme? Hier wird das alles als, wie man in Bayern sagt, „gmahte Wiesn“ dargestellt, als klare, übersichtliche und bereits geklärte Angelegenheit: Donald Trump als Skandallieferant und Enfant terrible, die anderen republikanischen Kandidaten als zu Klerikal oder Tea-Party-nah, Berny Sanders als kaum wählbarer links-populistischer Sozialist, lediglich Hillary Clinton moderat, mitte-links und erfahren genug. Fast scheint es, als sollten wir fest Daumen drücken, damit auch das für uns gewünschte Wahlergebnis rauskommt und wir aus ihm so viel Hoffnung schöpfen können, wie nach der Wahl von Obama auch viele Deutsche gehabt haben: „Yes, we can!“. Auch hier trotz der vielen Sendeminuten wenig Fakten und dafür viel Emotionen.

In seiner hervorragenden und lesenswerten Kolumne in Spiegel Online sieht Georg Diez das ganz ähnlich, als „Politik ohne Politik“:

Tatsächlich zeigt sich in all diesen Links-Rechts-Texten der vergangenen Wochen eine entpolitisierte Sicht auf Politik, die gewollt ist und eingeübt: Statt um Argumente geht es um Geometrie, statt um Inhalte geht es um Mehrheiten, statt um Visionen geht es um Verteidigung dessen, was man hat.

Kolumne von Georg Diez: „US-Wahlkampf: Die Zukunft gehört den Linken“

Als Negativbeispiel für die Thesen von Diez lässt sich der folgende Artikel gut anführen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/us-vorwahlen-in-iowa-die-stunde-der-populisten.979.de.html?dram:article_id=344264

Vertiefende Links:

telepolis Interview: Die Demokratische Partei könnte die Jugend an die Linke verlieren

Auch die Nachdenkseiten liefern eine inhaltsreichere Kandidatenanalyse in zwei Artikeln:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=30660
http://www.nachdenkseiten.de/?p=30687

Und zum Spielen, wunderbar gemacht:

http://www.trumpdonald.org/

Wahlkampf à la Erdogan

In einem sehr seltsam anmutenden Youtube-Spot, setzt Erdogan sich und seine Partei mit dem Staat gleich und degradiert sein Volk zu aufopferungsbereiten Ameisen.

http://www.vice.com/de/read/der-verrueckteste-wahlkampfspot-der-welt

Nun ist aber das Verwenden von Staatsflagge und Nationalhymne im Wahlkampf verboten, deswegen verbietet ein Gericht den Spot. Die Staatsflagge wird darauf hin ersetzt, die Hymne bleibt, das Urteil kümmert den Präsidenten hier nicht viel. Macht auch nichts, da er kurz später Youtube verbietet, weil es Pläne zu Kriegsprovokationen mit Syrien leakt, dann kann den Spot eh keiner mehr sehen. So geht Demokratie!

Update 1.4.2014: Auch diesem Post kann man vorwerfen, ein so wichtiges Thema wie die Planung einer Kriegsprovokation durch das Nato-Land Türkei gegen Syrien hinter „lustigen“ Youtube-Videos und der Nachricht von der Sperrung von Youtube zu vernachlässigen. Der Link auf den beunruhigenden SZ Artikel ist zwar da, wird aber sicherlich nicht von vielen gelesen. Deshalb sei hier ein Link auf einen freitag.de Artikel ergänzt, der genau dieses beklagt:

https://www.freitag.de/autoren/propagandaschau/nato-land-tuerkei-plant-ueberfall-auf-syrien

Wahlempfehlungen

Früher hat der Pfarrer von der Kanzel gepredigt, wen wir wählen müssen, damit wir nicht in die Hölle kommen oder nicht schon auf Erden die Hölle ausbricht.

Heute macht das das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft für uns, und die Hölle sind verlorene Arbeitsplätze.

Dass das alles wie immer auch relativ ist, erklärt uns die Süddeutsche Zeitung:

http://sz.de/1.1718239

Dieter Tremel

12. Oktober 2012

gestern haben wir den Film Wag the Dog über fiktive Manipulationen im Amerikanischen Präsidentenwahlkampf gesehen. Immer noch ein satirisches Lehrstück über Demokratie und Medien, muss man in dieser Phase des Wahlkampfes eigentlich mal anschauen.

http://www.imdb.com/title/tt0120885/