Schlagwort-Archive: Religion

Religiöse Gefühle

Ein nicht sehr frommer Klaus Ungerer (wikipedia) hat in freitag.de einen Artikel (eine Polemik?) zum Thema Religion in unserer Zeit geschrieben:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/es-riecht-nach-mensch

Auch wenn der Artikel keine Provokation auslässt, gefällt er mir, da ich die unselige historische und leider auch gegenwärtige Allianz von Religion und Macht ebenso kritisiere, wie zum Beispiel in meinem Post „Gläserne Wände“.

Schön die Passage mit einem Zitat:

Im Nachgang des Charlie-Hebdo-Massakers sprach Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, aus, was die Grundlage einer aufgeklärten Gesellschaft zu sein hätte: „Im Zusammenhang mit religionskritischer Satire hört man immer wieder den unsinnigen Vorwurf: ‚Aber damit verletzt ihr doch die religiösen Gefühle anderer.‘ Ich frage mich: Was soll denn das sein, ein ‚religiöses Gefühl‘? (…) Ist das Gefühl eines aufgeklärten Geistes weniger wert als das Gefühl eines religiösen Einfaltspinsels? Es ist aufklärerische Menschenpflicht, jede Religion immer und überall zu kritisieren.“

Eine Renaissance der Religionen sehe ich in unserem Weltgeschehen: Es gibt einen gewissen Islamismus als religiös unterfütterte Gegenbewegung zum westlichen Werten und deren hegemonialer Dominanz, und in der anderen Waagschale die „abendländische christliche Leitkultur“ die diese angeblich christlichen Werte gegen den Ansturm von islamischen Flüchtlingen verteidigen will. In beiden Ausprägungen wird mal wieder die Religion missbraucht um weltliche Machtinteressen mit höheren Weihen zu versehen.

Der Riese von Cardiff

Zum heutigen 16. Oktober ein köstliches Kalenderblatt: Am 16. Oktober 1869 wurde der „Riese von Cardiff“ entdeckt, eine kuriose und bauernschlaue Kunstfälschung, ein „Hoax“. Herrliches Beispiel zum Motto, die Leute glauben, was sie glauben wollen.

Gläserne Wände

Trennung von Kirche und Staat ist etwas, was in Deutschland hoch gehängt und in der Praxis stets planvoll unterlaufen wird. Will man konfessionsfrei leben, so sind dem viele oft nur kleine, aber doch gewollte Hindernisse in den Weg gestellt.

Solche Hindernisse habe ich viele selbst erlebt, auch im Alltag hier in Altdorf. Beispiel Schule: Das Recht auf Konfessionslosigkeit wird hier an der Grundschule zwar formal gewährt, aber in der Anschauung der Verantwortlichen nicht hoch bewertet. Das spürt man bereits bei der Anmeldung, wo einem, trotz vorher bekannter Konfessionslosigkeit des Kindes, zu den vielen anderen Formularen auch ein Formular zur Anmeldung am katholischen Religionsunterricht mit untergeschoben wird. Auf Nachfrage warum denn, heißt es dann, „das wollen viele Eltern so“, und das Formular verschwindet sehr schnell. Ebenso bei der Handhabung des Morgengebetes, bei der (Nicht-)Ausgestaltung des Ethikunterrichtes, bei Abschlussgottesdienst und so fort. Dass sich ein Kind als Aussenseiter fühlt, ist manchen sicherlich nicht unwillkommen, Schuld sind dann eben die Eltern, die dem Kind das antun.

Der gute Ansatz von Brandenburg mit „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (LER)  wird von kirchlichen und konservativen Kreisen heftig bekämpft. Bezeichnend für die Situation in Deutschland ist, dass das Bundesverfassungsgericht in Klagen anstelle einer Entscheidung nur einen Vergleichsvorschlag unterbreitet hat. Dieser hat den Ansatz bereits sehr verwässert.

Auch so ein Thema zu Brandenburg: Schon 2003 hat Brandenburg mit der Katholische Kirche ein umstrittenes Konkordat abgeschlossen, das nur 4 Jahre nach der Wiedervereinigung dem Vatikan „unkündbar“ viele Rechte einräumte, obwohl nur gut 3% Katholiken in dem Bundesland verzeichnet sind. Siehe hierzu zum Beispiel https://www.ibka.org/artikel/ag03/brandenburg.html.

Solche Beispiele kann man viele finden. Der Humanistische Bund (http://www.humanismus.de/) hat eben unter dem Titel „Gläserne Wände“ eine Broschüre zur Benachteiligung von konfessionslosen Menschen herausgegeben, die es zum Download bei http://www.glaeserne-waende.de/ gibt. Sie stellt eine gute Sammlung dar. Felix Werdermann auf freitag.de hat sich des Themas angenommen, was der Anlass zu diesem Post war: https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/das-kreuz-mit-der-kirche-und-den-atheisten

Hier noch ein paar weiterführende Links:

Trennung von Kirche und Staat

Im vorangegangen Post zu dem Urteil über konfessionslose Kinder wurden in den Kommentaren zum freitag.de Artikel immer wieder die mangelnde Trennung von Kirche und Staat beklagt, zurecht, wie ich meine. Kirche und Staat leben in Deutschland eher in Symbiose als getrennt. Sehr erstaunlich war, dass das Land Brandenburg nach der Wiedervereinigung recht schnell wieder in eigentlich anachronistische Konkordatsverträge gezwungen wurde, obwohl kaum religiöse Anteile an der Bevölkerung sind. Für etwa 3% Katholiken wurde dieser Vertrag geschlossen, interessanterweise von der SPD, nicht von den Parteien die ein „C“ im Namen führen. Mit solchen Verzerrungen befasst sich auch der folgende Telepolis Artikel:

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38899/1.html

Heidenkinder lernen beten

Ein bemerkenswertes Gerichtsurteil ist in Rheinland-Pfalz ergangen: Konfessionslose Kinder eines getrennten Paares mit gemeinsamem Sorgerecht werden per Gericht durch den Vater, gegen den Willen der Mutter, gezwungen am Religionsunterricht teilzunehmen:

http://www.freitag.de/autoren/magda/kinder-lernt-beten

http://www.olg-koeln.nrw.de/presse/l_presse/

Das Argument der besseren Eingliederung kommt immer wieder, meistens sogar von den konfessionslosen Eltern konfessionsloser Kinder. Gerade wieder erlebe ich es bei der Schuleinschreibung von Hanna: Viele Eltern lassen Ihre konfessionslosen Kinder auf Antrag an der katholischen Religionslehre teilnehmen, weil sie sich einen bessere Klassenaufteilung und Chancengleichheit erhoffen. Dabei habe ich von mehreren Lehrern die Aussage, dass die Zeiten von „Ausländerklassen“ lange vorbei sind und viel mehr die Ortsteile wegen der Schulbusse ein Kriterium sind. Die Kinder verschiedener Konfessionen lernen gemeinsam und gehen für den Religionsuntericht auf Wanderschaft in ein anderes Zimmer. Ich bin geneigt das zu glauben.

Da es recht viele konfessionslose Kinder sind geben die Eltern hier freiwillig Gestaltungsspielraum ab: Statt den Ethikuntericht für eine stetig steigende Anzahl  Kinder attraktiv zu gestalten, stecken sie Ihre Kinder wider die Überzeugung in die Religionslehre und schaffen so erst die benachteiligte Minderheit, die sie vermeiden wollen. Hier sind die Lehrer und Schulen oftmals weiter als die Eltern.

Beschneidungsrecht: Thema verfehlt

http://www.sueddeutsche.de/wissen/gesetzentwurf-des-bundesjustizministeriums-beschneidungsrecht-fuer-alle-1.1480166

Da wollte sich mal wieder mal beim Waschen keiner nass machen: Ein Gesetzentwurf, der das Problem leugnet und ein einfaches „Weiter so“ ermöglicht, ohne eine Position zu beziehen.

Da hat ein mutiger Richter ein Urteil gefällt, das eine wichtige Diskussion angestoßen hat, die damit wieder vom Tisch soll. Nach meiner Überzeugung ist es durchaus zu diskutieren, ob das religiöse Selbstbestimmungsrecht so weit gehen darf, kleinsten Kinder körperlich Veränderungen irreversibel und schmerzhaft zuzufügen.

Im Kern sehe ich eine Machtdemonstration der Priester darin: Der Lebensbeginn muss vom Priester abgesegnet werden, für Kind und Eltern ehrfurchtgebietend und beindruckend, sonst wird es kein richtiger Mensch. Die Religion und die Priester besetzen diese wichtigen Zeitpunkte im Leben der Menschen mit Ihren Ritualen.

Deswegen ist es auch so wichtig, dass es ein Priester und nicht ein Arzt macht, dann wäre diese Wirkung nicht gegeben. Die schwammige Formulierung „medizinisch fachgerecht“ ermöglicht dies ganz elegant, das kann ja jeder, ohne Arzt zu sein.

Das hat auch nichts mit Antisemitismus oder Muslimfeindlichkeit zu tun, sondern mit dem Setzen von Prioritäten: Individuelles Persönlichkeitsrecht vor religiösem Gruppenzwang. Deswegen sind auch alle Religionen, auch die christlichen, hier so einig in Ihrem Wehklagen.

Ich hoffe, es finden sich genügen Organisationen, die weiter dagegen juristisch vorgehen, damit dieses Thema noch in der Diskussion bleibt.

http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/mein-koerper-gehoert-mir
http://pro-kinderrechte.de/wp-content/uploads/2012/08/faq_beschneidung.pdf