Schlagwort-Archive: Gniffke Kai

Styleguide für die Tagesschau

Die Tagesschau mit ihrer Hauptsendung um 20:00 ebenso wie mit ihren Online-Angeboten erscheint mir immer noch als Fels in der Brandung der Medien, im Vergleich zu anderen Nachrichtenquellen des Mainstreams wird dort noch relativ sauber gearbeitet.

Trotzdem gibt es auch in dieser Redaktion nicht nur Licht, sondern auch viel Schatten, der einem öffentlich rechtlichen Medium nicht gerecht wird, das ja mit Zwangsbeitrag finanziert ist, um dem Informations- und Bildungsauftrag der Bevölkerung zu dienen.

Besonders kritisch sehe ich daher Sprachregelungen, die einen demokratisch gewählten Präsidenten als „Machthaber“, eine gewählte Regierung als „Regime“ bezeichnen oder politische Akteure stets mit wertenden Adjektiven  wie „populistisch“ etc. bezeichnen, ohne dass dies irgendwo begründet ist.

Der folgende gute, wenn auch etwas lange Artikel setzt sich damit kritisch auseinander und bringt auch einen internationalen Vergleich der Styleguides und deren Öffentlichkeit. Ich denke, auch die Tagesschau würde durch einen offeneren Umgang und Begründungen für die Sprachreglung gewinnen.

Quelle: Die vertraulichen Sprachregelungen der ARD | Telepolis

Lügenpresse ist das Unwort des Jahres

Die Jury hat als Unwort des Jahres 2014 „Lügenpresse“ erkoren. Damit ist der Jury sowohl viel Aufmerksamkeit sicher als auch eine breite Zustimmung, weil sie eine sehr bequeme Wahl getroffen hat: Ist doch das Wort als sowohl als „Nazibegriff“ und auch durch den aggressiven Gebrauch durch die Pediga-Demonstranten schon ohne die Entscheidung der Jury anrüchig und grob vereinfachend für die meisten Menschen, auch für mich, ich habe es nie verwendet.

Und doch kann man die Entscheidung kritisieren, dass sie es sich einfach macht und das falsche Zeichen setzt. In einer Zeit, in der Kritik an den Medien eben nicht nur aus der Pediga-Bewegung kommt, sondern breit in der Gesellschaft und auch im linken Lager verankert ist, dient sich die Wahl allen an, denen diese Kritik unangenehm ist und gerne weiter so rufen. Die Kritik an den „Mainstreammedien“, auch so ein verbrauchter und über einen Kamm scherender Begriff, ist vielschichtig und differenziert, von ganz verschiedenen Teilen der Gesellschaft getragen und verdient weiter Beachtung. Die Wahl dient allen Bestrebungen diese Kritik zu deckeln wunderbar, die Kritik wird in eine Schublade gesteckt, wie praktisch ist es dabei, dass diese Schublade eine Untere ist, aus der Nazi- und Pediga-Ecke. Sie ist eine Steilvorlage für alle, die die Medienkritik mindestens so vereinfachen, wie das Wort „Lügenpresse“ die Medienlandschaft.

Dies sieht auch Albrecht Müller von den Nachdenkseiten, der die Entscheidung in einem Artikel kritisiert.

Dass man es sich vielleicht auch mit der Etikettierung „Nazis in Nadelstreifen“ zu einfach macht und es über die Pediga-Bewegung mehr zu sagen gibt, zeigt ein guter Artikel in hintergrund.de:

hintergrund.de: Die große Aggressionsverschiebung

Und dass Medienkritik auch in unsere Zeit aktiv ist und eine Berechtigung hat zeigt die Handhabung der Demonstrationsbilder unserer Politiker in Paris. Die Medien wirkten hier gerne an der Legende mit, dass die Politiker der Menge voranmarschieren, betonten oft sogar das Besondere und Geschichtsträchtige des Vorganges, haben aber die Entstehung der Bilder als Inszenierung getrennt von der eigentlichen Demonstration zwar nicht alle ganz verschwiegen, aber doch ganz klein gemacht, für den Zuschauer gerade in der Emotionalität der Ereignisse kaum erkennbar. Sie waren dabei auch nach meinem Eindruck näher an der Propaganda als an der Information des Zuschauers.

Übersichtsbild zur Entstehung des Politikerfotos

Nur kurz gezeigtes Bild im Morgenmagazin zur Politikerinszenierung

Die folgenden Artikel dokumentieren dies:

http://spiegelkabinett-blog.blogspot.de/2015/01/der-fake-von-paris.html

http://www.taz.de/Kommentar-Marsch-der-Maechtigen/!152807/

Auf den letztgenannten Kommentar in der TAZ hat Tagesschau-Chef Kai Gniffke in einem Blog mit dem Titel „Die Verschwörung von Paris“ wütend reagiert und in heftigem Ton alle Kritiker mal wieder als „Verschwörungstheoretiker“ gebranntmarkt.  In 443 Kommentaren bekommt er dafür viel Widerspruch, aber auch überraschend viel Zustimmung von treuen tagesschau-Zuschauern. Doch auch von anderer Seite bleibt Kritik an Kniffkes Wortwahl und Pauschalisierung bleibt nicht aus:

http://www.taz.de/Streit-um-Trauermarsch-Bilder-von-Paris/!152838/

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20186/die-tagesschau-wo-man-schoene-inszenierungen-nicht-bloed-hinterfragt/

Update 16.01.2015: Kritischer Artikel telepolis: „Die Wahrheit ist nur eine Fußnote der Geschichte“ und ntv-Video hinzugefügt.

Das Thema Medien bleibt sicher weiter spannend, auch Nach der Wahl zum Unwort des Jahres. Das Wort „Putin-Versteher“ hat die Jury trotz vieler Vorschläge nicht genommen. Ich denke, sie hat es sich hier zu leicht gemacht.