Archiv der Kategorie: Religion

Religiöse Gefühle

Ein nicht sehr frommer Klaus Ungerer (wikipedia) hat in freitag.de einen Artikel (eine Polemik?) zum Thema Religion in unserer Zeit geschrieben:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/es-riecht-nach-mensch

Auch wenn der Artikel keine Provokation auslässt, gefällt er mir, da ich die unselige historische und leider auch gegenwärtige Allianz von Religion und Macht ebenso kritisiere, wie zum Beispiel in meinem Post „Gläserne Wände“.

Schön die Passage mit einem Zitat:

Im Nachgang des Charlie-Hebdo-Massakers sprach Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, aus, was die Grundlage einer aufgeklärten Gesellschaft zu sein hätte: „Im Zusammenhang mit religionskritischer Satire hört man immer wieder den unsinnigen Vorwurf: ‚Aber damit verletzt ihr doch die religiösen Gefühle anderer.‘ Ich frage mich: Was soll denn das sein, ein ‚religiöses Gefühl‘? (…) Ist das Gefühl eines aufgeklärten Geistes weniger wert als das Gefühl eines religiösen Einfaltspinsels? Es ist aufklärerische Menschenpflicht, jede Religion immer und überall zu kritisieren.“

Eine Renaissance der Religionen sehe ich in unserem Weltgeschehen: Es gibt einen gewissen Islamismus als religiös unterfütterte Gegenbewegung zum westlichen Werten und deren hegemonialer Dominanz, und in der anderen Waagschale die „abendländische christliche Leitkultur“ die diese angeblich christlichen Werte gegen den Ansturm von islamischen Flüchtlingen verteidigen will. In beiden Ausprägungen wird mal wieder die Religion missbraucht um weltliche Machtinteressen mit höheren Weihen zu versehen.

Gläserne Wände

Trennung von Kirche und Staat ist etwas, was in Deutschland hoch gehängt und in der Praxis stets planvoll unterlaufen wird. Will man konfessionsfrei leben, so sind dem viele oft nur kleine, aber doch gewollte Hindernisse in den Weg gestellt.

Solche Hindernisse habe ich viele selbst erlebt, auch im Alltag hier in Altdorf. Beispiel Schule: Das Recht auf Konfessionslosigkeit wird hier an der Grundschule zwar formal gewährt, aber in der Anschauung der Verantwortlichen nicht hoch bewertet. Das spürt man bereits bei der Anmeldung, wo einem, trotz vorher bekannter Konfessionslosigkeit des Kindes, zu den vielen anderen Formularen auch ein Formular zur Anmeldung am katholischen Religionsunterricht mit untergeschoben wird. Auf Nachfrage warum denn, heißt es dann, „das wollen viele Eltern so“, und das Formular verschwindet sehr schnell. Ebenso bei der Handhabung des Morgengebetes, bei der (Nicht-)Ausgestaltung des Ethikunterrichtes, bei Abschlussgottesdienst und so fort. Dass sich ein Kind als Aussenseiter fühlt, ist manchen sicherlich nicht unwillkommen, Schuld sind dann eben die Eltern, die dem Kind das antun.

Der gute Ansatz von Brandenburg mit „Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde“ (LER)  wird von kirchlichen und konservativen Kreisen heftig bekämpft. Bezeichnend für die Situation in Deutschland ist, dass das Bundesverfassungsgericht in Klagen anstelle einer Entscheidung nur einen Vergleichsvorschlag unterbreitet hat. Dieser hat den Ansatz bereits sehr verwässert.

Auch so ein Thema zu Brandenburg: Schon 2003 hat Brandenburg mit der Katholische Kirche ein umstrittenes Konkordat abgeschlossen, das nur 4 Jahre nach der Wiedervereinigung dem Vatikan „unkündbar“ viele Rechte einräumte, obwohl nur gut 3% Katholiken in dem Bundesland verzeichnet sind. Siehe hierzu zum Beispiel https://www.ibka.org/artikel/ag03/brandenburg.html.

Solche Beispiele kann man viele finden. Der Humanistische Bund (http://www.humanismus.de/) hat eben unter dem Titel „Gläserne Wände“ eine Broschüre zur Benachteiligung von konfessionslosen Menschen herausgegeben, die es zum Download bei http://www.glaeserne-waende.de/ gibt. Sie stellt eine gute Sammlung dar. Felix Werdermann auf freitag.de hat sich des Themas angenommen, was der Anlass zu diesem Post war: https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/das-kreuz-mit-der-kirche-und-den-atheisten

Hier noch ein paar weiterführende Links:

Bewegung in der Katholischen Kirche?

Nach einem scheinbar liberalen Zwischenbericht machten sich viele, denen eine Öffnung der Katholischen Kirche am Herzen liegt, Hoffnung auf den Abschluss der Synode. Sie wurden enttäuscht, nicht einmal das auch in Deutschland sehr wichtige Thema des Umgangs mit geschiedenen Katholiken wurde angepackt.

SZ: Katholische Kirche verfehlt grundlegende Öffnung

Das als überraschend zu bezeichnen wäre wohlwollend. Bereits beim Zwischenbericht zeichneten sich große Differenzen in dem Gremium ab. Das Satire-Magazin extra 3 hat dies auch schon vorher gewusst:

Update 21.10.2014: Ein etwas ernsterer und wohlwollender Kommentar im DLF:

http://www.deutschlandfunk.de/bischofssynode-der-heiligenschein-ist-weg.720.de.html?dram:article_id=300784

Filibuster

In Amerika funktioniert die Politik eben anders. Durch Filibuster, dass ist ein langes Ermüdungsreden, ist in Texas gerade ein strenges Abtreibungsrecht verhindert worden. Die Senatorin hat 11 Stunden geredet, geplant waren 13, aber strenge Regeln finden Anwendung und sie wurde unterbrochen. Geklappt hat die Verhinderung des Gesetztes trotzdem. Seltsames Vorgehen, gutes Ergebnis.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/texas-demokratin-wendy-davis-mit-filibuster-gegen-abtreibungsgesetz-a-907938.html

Update vom 02.07.2013: Schönes Interview über die Hintergründe der Politik in Texas auf http://sz.de/1.1709922.

Mich erinnert das an Otto Schily vor dem Visa-Untersuchungsauschuss im Jahr 2005: Damals hat er in bereits hohem Alter von 73 Jahren fast 5 Stunden geredet, bis keiner der Journalisten mehr folgen konnte, eine Verhöhnung des Ausschusses. Wer sich es noch antun will:

13 Stunden in der Mediathek des Bundestages 😉 Wenn ich mit 73 auch noch so fit bin, bin ich zufrieden.

Trennung von Kirche und Staat

Im vorangegangen Post zu dem Urteil über konfessionslose Kinder wurden in den Kommentaren zum freitag.de Artikel immer wieder die mangelnde Trennung von Kirche und Staat beklagt, zurecht, wie ich meine. Kirche und Staat leben in Deutschland eher in Symbiose als getrennt. Sehr erstaunlich war, dass das Land Brandenburg nach der Wiedervereinigung recht schnell wieder in eigentlich anachronistische Konkordatsverträge gezwungen wurde, obwohl kaum religiöse Anteile an der Bevölkerung sind. Für etwa 3% Katholiken wurde dieser Vertrag geschlossen, interessanterweise von der SPD, nicht von den Parteien die ein „C“ im Namen führen. Mit solchen Verzerrungen befasst sich auch der folgende Telepolis Artikel:

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38899/1.html

Heidenkinder lernen beten

Ein bemerkenswertes Gerichtsurteil ist in Rheinland-Pfalz ergangen: Konfessionslose Kinder eines getrennten Paares mit gemeinsamem Sorgerecht werden per Gericht durch den Vater, gegen den Willen der Mutter, gezwungen am Religionsunterricht teilzunehmen:

http://www.freitag.de/autoren/magda/kinder-lernt-beten

http://www.olg-koeln.nrw.de/presse/l_presse/

Das Argument der besseren Eingliederung kommt immer wieder, meistens sogar von den konfessionslosen Eltern konfessionsloser Kinder. Gerade wieder erlebe ich es bei der Schuleinschreibung von Hanna: Viele Eltern lassen Ihre konfessionslosen Kinder auf Antrag an der katholischen Religionslehre teilnehmen, weil sie sich einen bessere Klassenaufteilung und Chancengleichheit erhoffen. Dabei habe ich von mehreren Lehrern die Aussage, dass die Zeiten von „Ausländerklassen“ lange vorbei sind und viel mehr die Ortsteile wegen der Schulbusse ein Kriterium sind. Die Kinder verschiedener Konfessionen lernen gemeinsam und gehen für den Religionsuntericht auf Wanderschaft in ein anderes Zimmer. Ich bin geneigt das zu glauben.

Da es recht viele konfessionslose Kinder sind geben die Eltern hier freiwillig Gestaltungsspielraum ab: Statt den Ethikuntericht für eine stetig steigende Anzahl  Kinder attraktiv zu gestalten, stecken sie Ihre Kinder wider die Überzeugung in die Religionslehre und schaffen so erst die benachteiligte Minderheit, die sie vermeiden wollen. Hier sind die Lehrer und Schulen oftmals weiter als die Eltern.

Kalenderblatt zum „Affenprozess“ 13.03.1925

Schönes Kalenderblatt zum Streit zwischen Christen, die sich gerne nur als „Gottes Ebenbild“ sehen und denen, die sich auch vorstellen können, vom Affen abzustammen. In den USA aktueller denn je.

Link

Update vom 14.03.2013: Zu spät. Keine zwei Stunden nach meinem Post hatten wir schon den nächsten Papst, deswegen sind die Links jetzt Makulatur.

Wer bei der Papstwahl ganz nah dabei sein will der gehe auf die folgende Adresse des Vatikan Video-Players und klicke auf das rote Wörtchen Live:

http://www.vatican.va/video/index.html

Auch auf Smoke Cam kann man live sehen, ob eine Möve auf dem Kamin sitzt, was auf dem Petersplatz jeweils zu Gelächter führt. Eine Webcam vom Petersplatz gibt es auch. Weiterlesen

Bravo Benedikt

Papst Benedikt (wikipedia)

Papst Benedikt (wikipedia)

Papst Benedikt hat mit seinem Rücktritt seiner Amtszeit noch eine revolutionäre Note gegeben, indem er die Kirche und insbesondere seinen Nachfolger angeregt hat, das Papstamt neu zu definieren. Dies verdient höchsten Respekt.

Ich habe die lebenslange Amtszeit immer als unübersehbaren Anachronismus empfunden: Wie soll jemand in hohem Alter eine solch komplexe Organisation wie die katholische Kirche mit der im verliehenen riesigen Machtfülle und der damit verbundenen Verantwortung leiten, wenn er gebrechlich ist? Bereits in der Kindheit habe ich viel mit alten Menschen zu tun gehabt, und kann es mir einfach nicht vorstellen, dass lebenslanges Wirken dem Amt dient. Zweifelsohne werden in solchen Phasen körperlicher und geistiger Schwäche andere die Macht ausüben und die Kirche prägen. Dies ist ein größerer Widerspruch zur Definition des Papsttums als er sich jetzt durch den Rücktritt ergibt.

Noch ganz genau ist mir die lange Qual in Erinnerung, die Johannes Paul II. durch die Kombination von Krankheit und Amt erleiden musste. Dies war der Würde des Amtes und der Fülle der Aufgaben unangemessen. Viel schlimmer noch: Es hat den Ritualen der Kirche und den repräsentativen Auftritten ein unmenschliches Antlitz gegeben.

Vielleicht war ja Josef Ratzinger in dieser Zeit als Chef der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre schon ein bisschen Papst, so dass er nur noch die Bürde des Amtes durch die Wahl bekommen hat. Diese Bürde hat er nun wieder abgeschüttelt. Die Amtszeit wird wohl vor allem mit Ihrem Anfang, der „Wir sind Papst“ Euphorie, und ihrem Ende, der Neudefinition des Papsttums durch Benedikts Rücktritt, in Erinnerung bleiben.

Ich schließe mich mal wieder Heribert Prantl an, der lesenswert in der SZ schreibt:

In dieser Größe liegt aber etwas sehr Bitteres, ja Tragisches – weil die Kraft sich eben erst im Abschied zeigt. Nur mit seinem Rücktritt sprengt Benedikt die Ketten der Tradition, überall sonst hat er an den Ketten der Tradition nicht gerührt, da und dort hat er sie sogar verstärkt; nur dieses eine Mal wächst er über sich, über sein Herkommen, sein traditionelles Verständnis von Kirche, nur dieses eine Mal wächst er hinaus über das, was schon immer galt in der Kirche.

Sehr viel beissender und kirchenferner drückt dies die taz in Ihrem „Nachruf auf Papst Benedikt“ aus, doch auch solche Stimmen haben angesichts der Amtsführung ihre Berechtigung.