Verschwörungstheorien

Die WDR-Sendung Quarks & Co war früher ein beliebter Programmpunkt  im TV für mich. Oft habe ich sie empfohlen und darauf hingewiesen, wie viel besser die Themenauswahl und Information durch den Moderator Rangar Yogeshwar war, als im Vergleich dazu damals durch das ZDF und seine Sendungen mit Joachim Bublath, die meist über das Thema gingen, ob wir morgen oder übermorgen den Mars besiedeln werden.

Ich sehe sie auch heute noch manchmal, aber meine Begeisterung dafür ist verschwunden. Neben den durchaus noch vorhandenen guten Sendungen werden inzwischen des öfteren Themen ausgewählt und in einer Weise behandelt, die eben weniger wissenschaftlich neutral und dafür durchaus Interessen-geleitet ist. Die gestrige Sendung war dafür ein Beispiel:

Quarks & Co | 28. Juni 2016, 21.00 – 21.45 Uhr | WDR:
Wahn oder Wahrheit – was steckt hinter Verschwörungstheorien?

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Schon der Titel und die inflationäre Verwendung des Begriffes Verschwörungstheorie, ohne ihn im Wesentlichen zu definieren, diffamieren alle Menschen, die eben nicht unreflektiert die vorherrschende Meinung und damit die Meinung der Herrschenden wiedergeben. Die Sendung beschränkte sich neben ein paar Erläuterungen über die Historie des Begriffs vor allem darauf, möglichst abstruse Beispiele für „Verschwörungstheorien“ abzuliefern wie die Chemtrails und die jüdische Weltverschwörung, und daraus implizit abzuleiten, das ja alle, die irgend sowas glauben, durch den Wind sind. Das letztere Beispiel über das Weltjudentum diente auch gleich dazu, den Zusammenhang mit dem dritten Reich herzustellen, so als kämen die „Verschwörungstheorien“ hauptsächlich vom rechten Rand der Gesellschaft. In einem Beitrag, wo ein Mitarbeiter in Straßeninterviews selbst eine Verschwörungstheorie basteln sollte, wurden an und für sich kluge und wohlüberlegte Antworten von den recht besonnenen Befragten so umgedeutet, dass das Vorhaben leicht ist und dieses „Impfen“ angeblich auch funktioniert hat. In meiner Wahrnehmung war das aber nicht so, die Menschen waren eher intellektuell und nicht so leicht in eine Richtung zu schubsen, man kann sich diesen Teil hier ansehen, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Hier deshalb ein paar Anmerkungen von mir um nicht alles so stehen zu lassen.

Der Begriff der Verschwörungstheorie wird heute sehr inflationär verwendet, zu Unrecht, will ich meinen. Natürlich gibt es unsinnige Meinungen und Konstrukte, nicht alles, wozu es eine schöne Website gibt oder wozu jemand ein Buch verkaufen will, ist plausibel, seriös, stichhaltig und belegbar. Praktisch ist es jedoch, jede abweichende Meinung und Spekulation über Zielsetzungen der Politik pauschal als „Verschwörungstheorie“ abzutun und damit die, die darüber nachdenken, entweder als leichtgläubige Spinner (Opfer) oder bösartige Urheber und Verführer (Täter) zu diffamieren. Ebenso wie der „Populismus“ wird der Terminus wie ein Mühlstein jedem um den Hals gehängt, der die Mainstream-Meinung gefährdet.

Ein Schlüsselwort hier ist die Spekulation: Glauben Sie, dass die Bevölkerung, wir alle, die Wähler in einer Demokratie, den gleichen Informationsstand hat wie die Lenker, die Mächtigen, die Regierungsmitglieder und Minister? Natürlich nicht. Aktenstudium, Informationsdienste, Berater, Vernetzung untereinander und mit der Wirtschaft, Think-Tanks und Lobbyisten, Konferenzen und dergleichen schaffen einen Wissensvorsprung, der natürlich auch wichtig ist und es erlaubt Strategien zu entwickeln. Und diese Strategien twittert man nicht immer gleich raus, sondern denkt im Verborgenen darüber nach und leitet Schritte ein, damit man sich auch umsetzen kann. Nicht mal ein Vereinsvorstand eine Sportvereins lässt sich bei wichtigen Vorhaben gleich zu Beginn in die Karten schauen, sonst wird es ihm unmöglich, sie durchzusetzen.

Diese Asymmetrie im Wissen zwischen denen, die die Macht haben und denen, die sie in einer Demokratie verleihen, ist also nicht zu vermeiden. Wie sollen sich die Wähler also verhalten? Alle 4 oder 5 Jahre in die Wahlkabine gehen und dazwischen in grenzenlosem Vertrauen versinken, dass die da oben schon alles richtig und in seinem Sinne machen? Für mich das Verhalten einer Schafherde. Oder sich ausmalen, warum und in welchem Sinne etwas beschlossen wird, wem es nützt und wem es schadet, wer das Für und wer das Wider spüren wird? Für mich ist letzteres ein ganz normales Verhalten und teil einer Kontrolle durch das Volk, die zu einer Demokratie gehört wie die Arbeit der Opposition und investigativer Journalisten (gibt es die noch?). Die Frage „Cui Bono“ ist eine natürliche und muss erlaubt sein, doch auch dieser Begriff wird hauptsächlich negativ gesehen und immer mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Ein Nachdenken über die Vorgehensweise der Politik ist immer Spekulation, der Wissensvorsprung ist ja da und daraus folgt eben auch, das nicht alles, was man sich vorstellt, belegbar ist, bevor es umgesetzt wird. Falsch, darüber nachzudenken, es für wahrscheinlich zu halten, darüber zu diskutieren und es von Fall zu Fall auch mal verhindern zu wollen, ist es deswegen noch lange nicht. Der Wissensvorsprung wird heute ja auch zum Teil schon auf die Abgeordneten der Parlamente ausgedehnt: Die TTIP-Verhandlungen laufen im Geheimen ab, die Leseräume für die Abgeordneten, die wirklich Einblick haben wollen, sind nur zögerlich eingerichtet worden und mit einem widrigen Regelwerk versehen.

Ich würde „Verschwörungstheorie“ als Spekulation über Intentionen und Strategien der Mächtigen definieren. Deswegen sind sie erstmal nicht schlecht: nur der Dumme wird sich zum Thema Politik immer denken „Passt schon so“, der Kluge wird sich ausmalen, was warum und wie passieren wird, und ob das gut für ihn ist. Es sind also im Allgemeinen gerade die Denker und Informierten, die die Vorgehensweise der Politik hinterfragen, nicht die Dumpfen. Das man nicht alles belegen kann ist eben so, im Gegensatz zur NSA weiß ich eben nicht, mit wem Frau Merkel worüber telefoniert. Deswegen ist es trotzdem legitim, Annahmen zu machen und Prognosen zu wagen.

Ein gutes Beispiel, auch weil man heute ohne Aufregung darüber reden kann, ist das Kennedy-Attentat: Keiner wird in unserer Zeit noch die Chance haben zu belegen, ob der Bericht der Warren-Kommission, die Lee Harvey Oswald als Einzeltäter herausgestellt hat, zutreffend ist oder nicht, das wird wahrscheinlich nie ans Licht kommen. Wie viele andere bin ich auch geneigt zu glauben, dass er wahrscheinlich nicht alleine war, sein kann es natürlich trotzdem. Leidenschaftlich für die eine oder andere Interessengruppe zu plädieren, die ihn wahrscheinlich beauftragt hat, kann man machen, es ist aber nicht sehr sinnvoll, da für die heutige Politik auch keine Konsequenzen mehr daraus erwachsen, es ist eine „kalte Verschwörungstheorie“. Darüber nachzudenken ist aber trotzdem nicht verkehrt: „Was war die Politik Kennedys, wer waren die Gegner von davon und wer hat von dem Attentat profitiert?“, man kann ja aus der Geschichte lernen. Eine Anklage daraus ohne neue Belege abzuleiten, wäre aber fanatisch. Aktuellere Beispiele, die uns mehr betreffen, aber ähnlich gelagert sind, sind das Oktoberfestattentat von 1980 oder NSU-Morde. Gerade im letzteren Fall wäre eine Anklage von Drahtziehern oder Reformen der Geheimdienste, falls sie mit ihren V-Leuten begünstigend gewirkt haben, durchaus noch möglich und sinnvoll.

Nehmen wir mal eine Menge von hundert verschiedenen gängigen „Verschwörungstheorien“ an. Sind alle davon falsch? Sicher nicht! Wenn sich viele Menschen, darunter auch gebildete, gut informierte und umsichtige etwas vorstellen, ist zwangsläufig ein Anteil dabei, der auch zutrifft. Sagen wir im Gedankenexperiment, 15 davon sind richtig und zutreffend. Natürlich sind am anderen Ende welche, die so haarsträubend, unwissenschaftlich und blöd sind, dass jeder der daran glaubt, auch zu recht schief angeschaut wird. Aber ist es richtig, sich diesen Anteil als klassifizierend für den Begriff der „Verschwörungstheorie“ herauszugreifen, um daraus zu schließen, dass alle hundert falsch sind? Damit fallen die 15 richtigen unter den Tisch und werden gar nicht diskutiert, und das ist die Motivation dahinter, alle Spekulationen über Strategien der Politik verächtlich zu machen. IMHO ist es viel zu wichtig, über die Zutreffenden nachzudenken, als dass man es wegen der Unsinnigen bleiben lässt. Die Unschärfe, was ist zutreffend, was unsinnig, wird immer da sein, sie ist natürlich. Deswegen sollte sie nicht vom Denken abhalten.

Die entscheidende Frage ist, was kommt nach dem Denken: Wenn es eine zementierte Meinung ist, die ohne weiter Belege die Politik pauschal verurteilt und aus dem Bewusstsein, schon recht zu haben, unreflektiert und undemokratisch Änderungen fordert, dann ist das sicher kontraproduktiv und verächtlich. Aber das war immer schon so, auch ohne den Begriff der „Verschwörungstheorie“. Einschätzungen über die Strategie der Mächtigen, die politische Diskussionen und Prozesse anstoßen, sind es aber nicht.

Das hätte auch in der Sendung gesagt werden können, statt nur die Klischees zu illustrieren.

2 Gedanken zu „Verschwörungstheorien

  1. Pingback: Verschwörungstheorien. Eine WDR-Sendung und kritische Anmerkungen – Stahlbaums Zeitfragen-Blog

  2. Dietrich Stahlbaum

    Dieser Kritik kann ich im Großen und Ganzen zustimmen. Zu beidem (Quarks & Co und Hotchpotch) noch drei Anmerkungen:

    1. Die meisten Verschwörungstheorien haben einen realen Kern. 2. Nicht die Verschwörungstheorie ist das Übel, sondern wenn eine Verschwörungstheorie zur Tatsachenbehauptung gemacht wird, ist das ein Übel. 3. Nährboden, wenn nicht sogar Anlass für Verschwörungstheorien sind fast immer Geheimhaltung, fehlende Transparenz.

    1. und 2.: Beispiele für reale Hintergründe: das „Weltjudentum“, „Chemtrails“ / „Geoengineerin„, „Lügenpresse“.

    Judenfeindliche Tatsachenbehauptungen gab es bereits im Mittelalter. Es waren niederträchtige, von Christen verbreitete Erfindungen wie angeblich von Juden begangene Ritualmorde. Dafür gab es keinen realen Kern. Den hat die Behauptung, „die Westmächte und das jüdische Kapital wollen ein selbstbewusstes nationales Deutschland verhindern, weil man Angst vor dem militärischem Heldentum und der Arbeitsfähigkeit der Deutschen hat.“ Ein Zitat aus dem Buch „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt (S. 205), hrsg. von Jonas Lanig, Wilfried Stascheit.

    Darin wird der mittelalterlichen Wucher- und Schachervorwurf aufgegriffen, in dem behauptet wurde, die Juden treiben christliche Bürger und ganze Handelsunternehmen durch Verschuldung systematisch in den Ruin, um schließlich die Herrschaft über die gesamte europäische Wirtschaft zu erlangen. Real ist daran, dass den Juden in Deutschland und im übrigen Europa Geldgeschäfte und Zinseinnahmen erlaubt wurden. Daraus wurde dann mit Hinweis auf „die Rothschilds“, die von 1815 bis 1914 die weltgrößte Bank besaßen, das „Finanzjudentum“: Hitler, der daraus ein „internationales“ gemacht hat, welches „die Völker noch einmal in einen Weltkrieg (…) stürzen (wolle); dann (würde) das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“ [In seiner Rede am 30. Januar 1939 im Reichstag]

    Solche Wahnvorstellungen wurden auch im deutschen Bürgertum als solche nicht erkannt, übernommen und mit vermeintlichen Fakten aus dem eigenen Umfeld untermauert. So hörte ich damals meinen Vater, der ein Nazi war, sagen, Juden hätten in Ostpreußen Großbauern und Gutsbesitzer in die Schulden getrieben und um Haus und Hof gebracht.

    Davon habe ich in meiner Heimatstadt Friedland/Ostpr., heute Pravdinsk, und Umgebung damals nichts bemerkt. Was ich dort als Kind wahrgenommen habe, steht in diesem Kapitel: Deutschland 1933

    Eine besonders in rechtspopulistischen Kreisen verbreitete Tatsachenbehauptung ist, es gäbe sogenannte Chemtrails (in großer Höhe aus Flugzeugen versprühte Chemikalien); durch sie werde eine gezielte Vergiftung und Veränderung des pH-Wertes des Bodens mit Aluminiumverbindungen systematisch herbeigeführt, „um herkömmliches Saatgut unbrauchbar zu machen. Saatgutgroßkonzerne hätten längst schon präventiv genmanipulierte aluminiumresistente Sorten entwickelt.“ Auch werde durch von der US-Regierung eingesetzte Chemtrail-Versprühung die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung gesenkt, um das Bevölkerungswachstum zu stoppen. [Wikipedia]

    Der reale Kern: Seit dem Zweiten Weltkrieg gehören „sogenannte Düppelwolken (einst in Berlin-Düppel erfunden) zum Repertoire aller Luftwaffen. Aus Flugzeugen werden dabei Täuschkörper abgeworfen, um das feindliche Radar zu verwirren. Damals warf man Stanniol-Streifen ab, heute sind es spinnwebfeine, mit Metall ummantelte Kunststoff-Fasern.

    Eine solche (chemikalisch erzeugte) Düppelwolke entstand am 19. Juli 2005 vor der holländischen Nordseeküste. Anfangs sah sie noch aus wie ein kompaktes Regengebiet, aber innerhalb weniger Stunden wuchs sie zu einer 300 Kilometer breiten Gewitterfront an, die von den Nordfriesischen Inseln bis ins Ruhrgebiet reichte.“ [P.M. Magazin 01/2012]

    Einen realen Kern hat auch das Unwort des Jahres 2014: „Lügenpresse“. Neonazis, Rechtsradikale, Pegida- und AfD-Anhänger meinen das Gros der Medien und diffamieren damit das gesamte demokratische Presse- und Verlagswesen, sowie die öffentlichen Fernsehanstalten.

    Zum Beweis werden einzelne Fälle herausgegriffen, bei denen tatsächlich manipulierte, verfälschte Informationen und Erfindungen nachgewiesen wurden. Mit einem solchen Fall habe ich mich selber befasst.

    3. Nährboden, wenn nicht sogar Anlass für Verschwörungstheorien sind fast immer Geheimhaltung, fehlende Transparenz.

    Spektakulärstes Beispiel der jüngsten Vergangenheit ist das Attentat vom 11. September 2001 auf das World Trade Center:

    Behauptet wird, es sei von US-Präsident George W. Bush angeordnet worden, um die Invasion in den Irak (2003) zu rechtfertigen. Als Beweis dafür wird ein angeblich echter „streng geheimer Hintergrundbericht des deutschen Bundesnachrichtendienstes“ genannt. Danach sei am 6. August 2001 der US-Präsident vom deutschen Botschafter in Washington über Erkenntnisse informiert worden, die „eindeutig darauf hindeuteten, dass am 10./11. September 2001 ein Terroranschlag gegen die USA durch teilweise von Deutschland aus operierende radikale arabische Gruppen zu erwarten ist.“

    Bekannt ist, dass die USA seit 1945 enge Beziehungen zu Saudi Arabien haben. Und Fakt ist, dass der frühere Senator Bob Graham dem ARD-Magazin Monitor verraten hat: „Es habe ´systematische Unterstützung` aus Saudi-Arabien für die Attentäter des 11. September 2001 gegeben. Die saudische Regierung sowie in Amerika stationierte Diplomaten seien an der Finanzierung der Terroristen beteiligt gewesen.“

    Der MONITOR-Bericht Die Hintermänner von 9/11: Das Geheimnis der „28 pages“ vom 02. 06. 2016

    Dies betrifft das vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush als „geheim“ eingestufte, zum Teil eingeschwärzte Kapitel des Untersuchungsberichts. ein brisantes Dokument, welches bis heute unter Verschluss gehalten wird.

    Weitere Beispiele für durch Geheimhaltung und fehlende Transparenz hervorgerufene Verschwörungstheorien wären Geheimorden, die Bilderberg-Konferenzen und Think Tanks, soweit sie im Geheimen arbeiten. Letztere sind Denkfabriken, die „wichtige Komponenten der Macht-Elite seien, wo Entscheidungen in den Händen von wenigen Gruppen und Einzelpersonen konzentriert seien.“ [Die britischen Politikwissenschaftler und Publizisten Diane Stone und Andrew Denham lt. WIKIPEDIA]

    Fakt ist: Überall, wo Macht- und Geldfragen im Raume stehen, wo Freund- und Feindbilder zur Schau gestellt werden, wo Kriege geplant und geführt werden, da sind Informationen Kampfmittel und für Uneingeweihte kaum verifizierbar.

    Vollständiger Beitrag mit Fotos und Fotokopien unter → https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2016/07/01/verschwoerungstheorien-eine-wdr-sendung-und-kritische-anmerkungen/

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