AP macht Propaganda

Gerne verlinke ich auf Meldungen von tagesschau.de, ist es doch noch eine der seriösesten Stellen der „alten“ Medien aus den Zeiten vor den Möglichkeiten des Internets mit den meist objektivsten Formulierungen. Heute jedoch möchte ich als Gegenbeispiel mal einen reinen Propaganda-Artikel etwas aus meiner Sicht bewerten. Es handelt sich um:

„Super Tuesday“ der US-Demokraten: Hat Clinton schon gewonnen?
vom 07.06.2016 05:47 Uhr und Vorversion

Alles eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen im doch immer noch relativ wackligen Rennen mit dem Konkurrenten Bernie Sanders um die Kandidatur der Demokraten in USA.  Genau gegen diese doch bestehende Unsicherheit, die ein Makel für Clinton ist, wird angeschrieben.

Gleich im ersten Absatz heißt es:

Hillary Clinton ist die US-Präsidentschaftskandidatur angeblich nicht mehr zu nehmen. Wie die Nachrichtenagentur „AP“ in der Nacht unter Berufung auf eigene Berechnungen meldete, hat die Demokratin die benötigten 2383 Delegiertenstimmen bereits beisammen, um auf dem Parteitag im Juli gekürt zu werden.

Die Kernaussage ist wohlweislich mit „angeblich“ versehen. „AP“ immer in Gänsefüßchen, stützt sich auf eigene „Berechnungen“. Schön, wenn eine Nachrichtenagentur, die normalerweise Nachrichten aufbereitet, auch eigene Nachrichten macht. Weiter heißt es:

„AP“ zufolge geben die sogenannten Superdelegierten – hochrangige Parteivertreter, die sich frei für einen Kandidaten entscheiden dürfen – den Ausschlag. Demnach hat Clinton 1812 normale Delegierte aus den Vorwahlen sicher sowie das Versprechen von 571 Superdelegierten, im Juli für sie zu stimmen.

Die Meldung stützt sich also hauptsächlich auf das von AP prognostizierte Verhalten der Superdeligierten, die nach Erkenntnissen von AP, die uns nicht vorliegen, angeblich für Clinton stimmen werden. Ohne diese Vogelschau auf ein zukünftiges Wahlverhalten ließe sich aus den bestehenden Ergebnissen die Aussage eben genau nicht ableiten.

Die meisten echten Fakten stehen in den nächsten beiden Absätzen (diese sind in der 05:47 Version neu):

Allerdings zeigte sich Clintons verbliebener Rivale im Vorwahlkampf, Bernie Sanders, in einer ersten Reaktion unbeeindruckt. Es sei falsch von den Medien, die Superdelegierten mitzuzählen, erklärt der Senator aus Vermont. Er werde bis zum Parteitag daran arbeiten, diese umzustimmen.

Für Sanders kommt die AP-Meldung trotzdem zur Unzeit. Am heutigen „Super Tuesday“ findet die letzte große Runde der Vorwahlen statt, unter anderem in Kalifornien. Seit Wochen liegt dabei das Augenmerk der Experten auf den Bundesstaat mit fast 40 Millionen Einwohnern, wo Sanders jüngsten Umfragen zufolge Clintons früheren Vorsprung komplett aufgeholt hat. Die Stimmung unter den Demokraten in Kalifornien ist elektrisiert: Den Behörden zufolge haben sich 18 Millionen Menschen als Wähler registrieren lassen, ein neuer Rekord. Allein in den vergangenen sechs Wochen seien 650.000 dazugekommen – drei Viertel davon Demokraten.

Das ist also der Grund für das Vorpreschen von AP: In Wirklichkeit ist es immer noch knapp, jetzt geht es um die Wurst und es soll mit der Meldung noch Stimmung gemacht werden vor dem „Super Tuesday“. Bei dem sieht es eigentlich ganz gut für Sanders aus, da müssen schon unlauter die Superdeligierten herangezogen werden, um was anderes zu schreiben.

Eine andere halbseidene Formulierung, die in einer ersten von mir gelesenen Version noch drinnen war, ist jetzt, während ich schreibe, in der Version von 5:47 entfernt worden. Hier hieß es in etwa, dass viele Demokraten inzwischen verärgert über Sanders sei, da er Clintons Chancen so mindere und sie gegen Trump damit schwäche. Eine eigentümliche Demokratieauffassung bei einem Kopf an Kopf-Rennen zweier Kandidaten. Auch wurde formuliert: Der Vorsprung Clintons sei jetzt schön größer als der von Obama seinerzeit gegen sie. Ebenso Unsinn, da Clinton von Obama denkbar knapp und tragisch aus dem Rennen geworfen wurde, die Größe des Vorsprungs war damals hauchdünn und steht eben viel mehr für das Scheitern Clintons. Der Vergleich mit Obama steht eher dafür, dass Clinton noch verlieren kann, wie damals. Die Nachricht zeigt daher, wie nah Bernie Sanders ist und wie sehr die AP Meldung das „Pfeifen im Walde“ darstellt.

Es spricht wieder für tagesschau.de, diese Propaganda-Sätze wenigsten entfernt zu haben. Ich stelle als Frühaufsteher oft fest, das von den Nacht-Teams relativ herbe Meldungen formuliert werden, die dann am frühen Morgen noch korrigiert werden, gerade in br.de gibt es das häufig. Da müsste ich für einen Artikel wie diesen doch gleich die erste Version kopieren, die, die Anlass dazu gab, fehlt mir jetzt, schade. So ist aus dem Post ein bisschen ein Durcheinander geworden, ich hoffe er bleibt trotzdem verständlich.

Trotz allem melden aber die deutschen Medien heute natürlich rauf und runter, das Clinton schon gewonnen hat und wie unvernünftig Bernie Sanders Wahlkampf doch ist, nur wegen ihm kriegen wir dann doch den bösen Trump statt der braven Clinton. 😉

Update 08.06.2016: Guter Artikel in theintercept.com zum undemokratischen Vorgehen von AP:

Perfect End to Democratic Primary: Anonymous Superdelegates Declare Winner Through Media