Archiv für den Monat: Oktober 2015

EU ist zu doof für Netzneutralität

Manchmal mag einem um die Zukunft des guten alten Europas richtig Angst werden: Statt uns auf unsere Stärken zu besinnen und unsere Probleme zu lösen, schmeißen wir Milliarden in angeblich systemrelevante schwarze Löcher, statt guter Bildung für alle geht es eher in Richtung Privatschulen und teure Studiengebühren, statt Freundschaft und Handelsbeziehungen zu unserem wichtigen Nachbarn Russland beleben wir alte Feindschaften wieder. Da frage ich mich oft, wie lange kann das gut gehen, bis wir unseren Wohlstand verlieren.

So kann man es jetzt auch wieder beim wichtigen Thema der Netzneutralität beobachten: Das Thema war auch in den USA umstritten, wurde aber dort konsequent gelöst. Die Fürsprecher der Netzneutralität, zu denen auch Präsident Obama gehört, haben sich knapp durchgesetzt und die FCC strenge Regeln verabschiedet. Bei uns in Europa hat man wieder den Königsweg gewählt, indem das Parlament der Lobby der Telekommunikationskonzerne ein Gesetz zu Pass gemacht hat, wo die Netzneutralität zwar drauf steht, aber fast nicht drin ist. Windelweiche Absichtserklärungen und Ausnahmen groß wie Scheunentore statt klarer Regelungen. Die Telekom hat sich gleich mit einer Ankündigung bedankt, wie man das in Zukunft zum Gelddrucken verwenden möchte.

Sascha Lobo hat das Verhängnis in seine Kolumne sprachlich geschliffen wunderbar beschrieben:

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/die-netzneutralitaet-bleibt-und-huehnchen-ist-vegan-kolumne-a-1059909.html

Weitere Links:

http://www.sueddeutsche.de/digital/it-wirtschaft-wie-die-telekom-und-facebook-netzneutralitaet-verstehen-1.2715096

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Netzneutralitaet-Proteste-gegen-Telekom-Vorstoss-fuer-Internetmaut-2866390.html

Zur Vertiefung: Heise c’T Artikel aus 2013 zur den Irrtümern in Sachen Netztneutralität.

Und weil das Video von TotalBiscuit einfach so gut ist, will ich es hier wiederholen:

Zeitumstellung

An diesem Wochenende erleben wir wieder das Schauspiel der Zeitumstellung, und immer wieder werden ähnliche Statements abgegeben. Da gibt es Politiker, diesmal ist es Ilse Aigner, die den Kampf gegen die Zeitumstellung medienwirksam antreten, weil es erwiesen ist, dass sie nichts bringt und die Menschen sie nicht wollen. Da höre ich zwar immer genau hin, weil ich selbst ein Gegner der Zeitumstellung bin, habe aber stets die Skepsis, ob wirklich etwas passiert.

Diese Diskussion gibt es seit Jahren, auch die Erkenntnis, dass die Energieeinsparung durch die Sommerzeit nicht gegeben ist, ist eine uralte und oft belegte. Da ist es wohlfeil für die Politiker ihre Abschaffung zu fordern, Bevölkerung und Wissenschaft ist in großere Mehrheit dafür. Und: was gibt es schöneres für Politiker, als eine populäre Maßnahme, die nichts kostet, weil man nur aufhören muss, die Uhren umzustellen? Und trotzdem passiert jedesmal: Nichts.

Meine Interpretation: Mag es auch stimmen, dass die Energieeinsparung nicht spürbar ist, es gibt es starke Interessen am Verbleib der Daylight Saving Time, sonst hätten wir sie nicht mehr. Nach meiner Einschätzung wirkt die Zeitumstellung nämlich schon, aber nicht auf die „armen geplagten Milchkühe“, sondern auf uns Menschen. Ist es Abends lange hell, haben wir eben auch nach einem langen, stressigen Arbeitstag keine Lust früh zu Bett zu gehen, sondern können die Zeit für Gastronomie, Freizeitverhalten und Shopping nutzen, wir haben trotz Überstunden die Zeit und auch die Lust, um Umsätze zu machen. Und das passiert im Gegensatz zur Energieeinsparung wirklich und ist IMHO der wahre Grund, warum wir uns zweimal im Jahr mit der Umstellung und ihren Nachteilen ärgern. Dieser ist, anders als die Energieeinsparung durchaus in Euro messbar. Und gerade auch für uns Menschen ist es lästig: Die Milchkühe stellen sich um, aber wenn wir uns im Biergarten abends länger aufhalten, nimmt uns der Wecker am morgen die Stunde trotzdem weg, geschenkt gibt es hier nichts. Aber darüber haben Frau Aigner und die anderen Akteure vor Ihr nichts gesagt.

Ich denke also, ich muss noch länger warten, bis aus den vielen Forderungen der Politiker eine echte Maßnahme wird. Und wenn dann wird eher ganzjährig die Sommerzeit beibehalten, damit wir es anders als Putin machen und die Nutznießer unseres Freizeitverhaltens keinen Schaden leiden.

Ich hätte gerne die Winterzeit für das ganze Jahr, so wie wir es früher gemacht haben, ohne Umstellung. Das Ziel sollte es stets sein, dass um 12:00 der amtlichen Zeit der wahre Mittag auch möglicht nahe ist, so wie wir es durch die Einteilung der Welt in Zeitzonen ja auch anstreben. Der ganze Stress der Umstellungen fällt dann weg, Uhrzeit und astronomische Verhältnisse sind sich nahe. Politische Ziele, die das Verhalten der Menschen betreffen, sollten zum Beispiel durch Regelungen der Arbeitszeiten, Öffnungszeiten und des Schulbeginns dann auch wirklich demokratisch diskutiert und beschlossen werden, und nicht durch Tricksereien mit der Uhrzeit.

Der Riese von Cardiff

Zum heutigen 16. Oktober ein köstliches Kalenderblatt: Am 16. Oktober 1869 wurde der „Riese von Cardiff“ entdeckt, eine kuriose und bauernschlaue Kunstfälschung, ein „Hoax“. Herrliches Beispiel zum Motto, die Leute glauben, was sie glauben wollen.

Byung-Chul Han

Zuerst wollte ich nur reinlesen, dann aber habe ich es ganz gelesen: Ein Interview in der Zeit mit dem koreanischen Philosophen Byung-Chul Han, der bereits seit 30 Jahren in Deutschland lebt und in Berlin eine Professur hat.

Die Zeit bringt wohl öfters was von ihm. Warum er wie vollmundig angekündigt, Gedankengebäude zum Einsturz bringt, konnte ich dem Interview nicht entnehmen, aber doch kluge Gedanken und Ansichten zu ganz verschiedenen Themen.

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/05/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus/komplettansicht

Mercator Projektion

Eine der Herausforderungen der Mathematik und Geographie ist es, die Erdkugel auf flache Karten abzubilden. Die von uns am häufigsten verwendete Methode ist die Mercatorprojektion. Deren Hauptnachteil ist vielen nicht bewusst: Länder, die weit vom Äquator entfernt liegen, werden stark vergrößert dargestellt. Grönland zum Beispiel profitiert extrem davon, es sieht in der Mercatorprojektion recht wuchtig aus, ist aber auf einem Runden Globus schon weniger dominant.

Die folgende Anwendung lässt uns sehr schön damit spielen:

http://thetruesize.com/

Das TINA-Syndrom

„There is no alternative“ wird uns immer wieder in vielen essentiellen politischen Fragen erzählt, gerade dann, wenn sehr teure und zugleich fragwürdige Entscheidungen von großer Tragweite gefällt werden. Damit wir das auch fast alle glauben, beten uns die Medien nahezu einstimmig die echten und vermeintlichen Fakten dazu vor, meistens in einer solchen Vehemenz und Fokussierung auf ein Thema zu einer Zeit, dass man dem nicht entkommen kann.

Am Beispiel Griechenland zeigt ein DLF-Dossier von Brigitte Baetz wie dieses TINA-Syndrom funktioniert:

http://www.deutschlandfunk.de/griechenland-krise-in-deutschen-medien-ungefragte.1170.de.html?dram:article_id=328300

 

Skript „Das TINA-Syndrom“ (PDF-Datei)

 

Bauen mit dem Geld von morgen

Der Wahnwitz von Öffentlich-private Partnerschaften ist hier schon öfter Thema gewesen. Gerade ist in Bayern die A8 München Ulm sechspurig ausgebaut worden, Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat sich dafür in Szene gesetzt und die Segnungen von ÖPP gepriesen.

Wenn der Deutschlandfunk ein gutes und kritisches Dossier dazu macht, muss ich natürlich darauf hinweisen:

http://www.deutschlandfunk.de/oeffentlich-private-partnerschaften-bauen-mit-dem-geld-von.1170.de.html?dram:article_id=324309

Bauen mit dem Geld von morgen – Über Sinn und Unsinn öffentlich-privater Partnerschaften (Manuskript als pdf) (108 kB)