Verschwörungstheorien

Die WDR-Sendung Quarks & Co war früher ein beliebter Programmpunkt  im TV für mich. Oft habe ich sie empfohlen und darauf hingewiesen, wie viel besser die Themenauswahl und Information durch den Moderator Rangar Yogeshwar war, als im Vergleich dazu damals durch das ZDF und seine Sendungen mit Joachim Bublath, die meist über das Thema gingen, ob wir morgen oder übermorgen den Mars besiedeln werden.

Ich sehe sie auch heute noch manchmal, aber meine Begeisterung dafür ist verschwunden. Neben den durchaus noch vorhandenen guten Sendungen werden inzwischen des öfteren Themen ausgewählt und in einer Weise behandelt, die eben weniger wissenschaftlich neutral und dafür durchaus Interessen-geleitet ist. Die gestrige Sendung war dafür ein Beispiel:

Quarks & Co | 28. Juni 2016, 21.00 – 21.45 Uhr | WDR:
Wahn oder Wahrheit – was steckt hinter Verschwörungstheorien?

Dieser Beitrag in der WDR Mediathek

Schon der Titel und die inflationäre Verwendung des Begriffes Verschwörungstheorie, ohne ihn im Wesentlichen zu definieren, diffamieren alle Menschen, die eben nicht unreflektiert die vorherrschende Meinung und damit die Meinung der Herrschenden wiedergeben. Die Sendung beschränkte sich neben ein paar Erläuterungen über die Historie des Begriffs vor allem darauf, möglichst abstruse Beispiele für „Verschwörungstheorien“ abzuliefern wie die Chemtrails und die jüdische Weltverschwörung, und daraus implizit abzuleiten, das ja alle, die irgend sowas glauben, durch den Wind sind. Das letztere Beispiel über das Weltjudentum diente auch gleich dazu, den Zusammenhang mit dem dritten Reich herzustellen, so als kämen die „Verschwörungstheorien“ hauptsächlich vom rechten Rand der Gesellschaft. In einem Beitrag, wo ein Mitarbeiter in Straßeninterviews selbst eine Verschwörungstheorie basteln sollte, wurden an und für sich kluge und wohlüberlegte Antworten von den recht besonnenen Befragten so umgedeutet, dass das Vorhaben leicht ist und dieses „Impfen“ angeblich auch funktioniert hat. In meiner Wahrnehmung war das aber nicht so, die Menschen waren eher intellektuell und nicht so leicht in eine Richtung zu schubsen, man kann sich diesen Teil hier ansehen, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Hier deshalb ein paar Anmerkungen von mir um nicht alles so stehen zu lassen.

Der Begriff der Verschwörungstheorie wird heute sehr inflationär verwendet, zu Unrecht, will ich meinen. Natürlich gibt es unsinnige Meinungen und Konstrukte, nicht alles, wozu es eine schöne Website gibt oder wozu jemand ein Buch verkaufen will, ist plausibel, seriös, stichhaltig und belegbar. Praktisch ist es jedoch, jede abweichende Meinung und Spekulation über Zielsetzungen der Politik pauschal als „Verschwörungstheorie“ abzutun und damit die, die darüber nachdenken, entweder als leichtgläubige Spinner (Opfer) oder bösartige Urheber und Verführer (Täter) zu diffamieren. Ebenso wie der „Populismus“ wird der Terminus wie ein Mühlstein jedem um den Hals gehängt, der die Mainstream-Meinung gefährdet.

Ein Schlüsselwort hier ist die Spekulation: Glauben Sie, dass die Bevölkerung, wir alle, die Wähler in einer Demokratie, den gleichen Informationsstand hat wie die Lenker, die Mächtigen, die Regierungsmitglieder und Minister? Natürlich nicht. Aktenstudium, Informationsdienste, Berater, Vernetzung untereinander und mit der Wirtschaft, Think-Tanks und Lobbyisten, Konferenzen und dergleichen schaffen einen Wissensvorsprung, der natürlich auch wichtig ist und es erlaubt Strategien zu entwickeln. Und diese Strategien twittert man nicht immer gleich raus, sondern denkt im Verborgenen darüber nach und leitet Schritte ein, damit man sich auch umsetzen kann. Nicht mal ein Vereinsvorstand eine Sportvereins lässt sich bei wichtigen Vorhaben gleich zu Beginn in die Karten schauen, sonst wird es ihm unmöglich, sie durchzusetzen.

Diese Asymmetrie im Wissen zwischen denen, die die Macht haben und denen, die sie in einer Demokratie verleihen, ist also nicht zu vermeiden. Wie sollen sich die Wähler also verhalten? Alle 4 oder 5 Jahre in die Wahlkabine gehen und dazwischen in grenzenlosem Vertrauen versinken, dass die da oben schon alles richtig und in seinem Sinne machen? Für mich das Verhalten einer Schafherde. Oder sich ausmalen, warum und in welchem Sinne etwas beschlossen wird, wem es nützt und wem es schadet, wer das Für und wer das Wider spüren wird? Für mich ist letzteres ein ganz normales Verhalten und teil einer Kontrolle durch das Volk, die zu einer Demokratie gehört wie die Arbeit der Opposition und investigativer Journalisten (gibt es die noch?). Die Frage „Cui Bono“ ist eine natürliche und muss erlaubt sein, doch auch dieser Begriff wird hauptsächlich negativ gesehen und immer mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Ein Nachdenken über die Vorgehensweise der Politik ist immer Spekulation, der Wissensvorsprung ist ja da und daraus folgt eben auch, das nicht alles, was man sich vorstellt, belegbar ist, bevor es umgesetzt wird. Falsch, darüber nachzudenken, es für wahrscheinlich zu halten, darüber zu diskutieren und es von Fall zu Fall auch mal verhindern zu wollen, ist es deswegen noch lange nicht. Der Wissensvorsprung wird heute ja auch zum Teil schon auf die Abgeordneten der Parlamente ausgedehnt: Die TTIP-Verhandlungen laufen im Geheimen ab, die Leseräume für die Abgeordneten, die wirklich Einblick haben wollen, sind nur zögerlich eingerichtet worden und mit einem widrigen Regelwerk versehen.

Ich würde „Verschwörungstheorie“ als Spekulation über Intentionen und Strategien der Mächtigen definieren. Deswegen sind sie erstmal nicht schlecht: nur der Dumme wird sich zum Thema Politik immer denken „Passt schon so“, der Kluge wird sich ausmalen, was warum und wie passieren wird, und ob das gut für ihn ist. Es sind also im Allgemeinen gerade die Denker und Informierten, die die Vorgehensweise der Politik hinterfragen, nicht die Dumpfen. Das man nicht alles belegen kann ist eben so, im Gegensatz zur NSA weiß ich eben nicht, mit wem Frau Merkel worüber telefoniert. Deswegen ist es trotzdem legitim, Annahmen zu machen und Prognosen zu wagen.

Ein gutes Beispiel, auch weil man heute ohne Aufregung darüber reden kann, ist das Kennedy-Attentat: Keiner wird in unserer Zeit noch die Chance haben zu belegen, ob der Bericht der Warren-Kommission, die Lee Harvey Oswald als Einzeltäter herausgestellt hat, zutreffend ist oder nicht, das wird wahrscheinlich nie ans Licht kommen. Wie viele andere bin ich auch geneigt zu glauben, dass er wahrscheinlich nicht alleine war, sein kann es natürlich trotzdem. Leidenschaftlich für die eine oder andere Interessengruppe zu plädieren, die ihn wahrscheinlich beauftragt hat, kann man machen, es ist aber nicht sehr sinnvoll, da für die heutige Politik auch keine Konsequenzen mehr daraus erwachsen, es ist eine „kalte Verschwörungstheorie“. Darüber nachzudenken ist aber trotzdem nicht verkehrt: „Was war die Politik Kennedys, wer waren die Gegner von davon und wer hat von dem Attentat profitiert?“, man kann ja aus der Geschichte lernen. Eine Anklage daraus ohne neue Belege abzuleiten, wäre aber fanatisch. Aktuellere Beispiele, die uns mehr betreffen, aber ähnlich gelagert sind, sind das Oktoberfestattentat von 1980 oder NSU-Morde. Gerade im letzteren Fall wäre eine Anklage von Drahtziehern oder Reformen der Geheimdienste, falls sie mit ihren V-Leuten begünstigend gewirkt haben, durchaus noch möglich und sinnvoll.

Nehmen wir mal eine Menge von hundert verschiedenen gängigen „Verschwörungstheorien“ an. Sind alle davon falsch? Sicher nicht! Wenn sich viele Menschen, darunter auch gebildete, gut informierte und umsichtige etwas vorstellen, ist zwangsläufig ein Anteil dabei, der auch zutrifft. Sagen wir im Gedankenexperiment, 15 davon sind richtig und zutreffend. Natürlich sind am anderen Ende welche, die so haarsträubend, unwissenschaftlich und blöd sind, dass jeder der daran glaubt, auch zu recht schief angeschaut wird. Aber ist es richtig, sich diesen Anteil als klassifizierend für den Begriff der „Verschwörungstheorie“ herauszugreifen, um daraus zu schließen, dass alle hundert falsch sind? Damit fallen die 15 richtigen unter den Tisch und werden gar nicht diskutiert, und das ist die Motivation dahinter, alle Spekulationen über Strategien der Politik verächtlich zu machen. IMHO ist es viel zu wichtig, über die Zutreffenden nachzudenken, als dass man es wegen der Unsinnigen bleiben lässt. Die Unschärfe, was ist zutreffend, was unsinnig, wird immer da sein, sie ist natürlich. Deswegen sollte sie nicht vom Denken abhalten.

Die entscheidende Frage ist, was kommt nach dem Denken: Wenn es eine zementierte Meinung ist, die ohne weiter Belege die Politik pauschal verurteilt und aus dem Bewusstsein, schon recht zu haben, unreflektiert und undemokratisch Änderungen fordert, dann ist das sicher kontraproduktiv und verächtlich. Aber das war immer schon so, auch ohne den Begriff der „Verschwörungstheorie“. Einschätzungen über die Strategie der Mächtigen, die politische Diskussionen und Prozesse anstoßen, sind es aber nicht.

Das hätte auch in der Sendung gesagt werden können, statt nur die Klischees zu illustrieren.

Glyphosat im Breitbandeinsatz

Das weitverbereitete Totalherbizit Glyphosat, auch bekannt unter dem Markennamen „Roundup“ ist in letzter Zeit ins Gerede gekommen. Hieß es jahrelang, das Mittel sei bienenverträglich und generell unschädlich für alles was nicht Pflanze ist, gibt es mehr und mehr Studien, die Zusammenhänge mit Krebs herstellen und wohl auch belegen. Die EU-Mitgliedsstaaten haben darüber abgestimmt, Deutschland enthielt sich dabei sehr „weise“, deswegen war das Ergebnis bislang unbestimmt.. Hängt vielleicht mit dem Übernahmenpoker von Monsanto zusammen: Der deutsche Bayern-Konzern will den amerikanischen Monsanto Konzern übernehmen, desses wichtigstes Produkt eben dieses Roundup ist. Sehr verwunderlich: Bayer bietet 55 Milliarden Euro für eine Firma, deren wichtigstes Produkt gerade verboten wird? Eben nicht: Die EU-Kommission wird heute die Zulassung verlängern, die Sorgenträger stehen dabei nicht im Mittelpunkt.

Ich gestehe: ich nehme dieses Mittel auch ab und zu im Hausgarten um gegen Giersch und andere unbesiegbare Gartenunkräuter anzugehen. Dies aber sehr gezielt (langer Pinsel und Farbstoff mit Handauftrag) und in geringen Mengen. Im Hausgarten hat man auch gar keine andere Chance, denn wenn ein Hauch RoundUp auf andere liebgewonnene Pflanzen, Sträucher und Bäume gerät, merkt man schnell, was Totalherbizid heißt 🙁 Das kleine Fläschchen mit dem Mittel reicht mir jetzt schon 20 Jahre, deswegen ist mein schlechtes Gewissen wegen der an und für sich nicht erlaubten privaten Verwendung gering. Vielleicht hat es sich ja schon zersetzt und wirkt gar nicht mehr so richtig?

Anders sind aber die Verhältnisse in der Landwirtschaft: Wie großflächig und vielseitig hier große Mengen in die Fläche kommen, in Deutschland auf 40%, schildert der Beitrag gut. Da werden möglich Schadwirkungen sehr plausibel.

http://www.deutschlandfunk.de/glyphosat-in-der-landwirtschaft-da-wird-jaehrlich-wirklich.697.de.html?dram:article_id=357713

Weiterer Artikel:

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-05/pflanzenschutzmittel-glyphosat-risiko-krebs-eu-verbot

Unsägliche Polit-Talkshows

Mein Opa war ein politischer Mensch, wenn im Bundestag eines Haushaltsdebatte geführt wurde, damals noch mit Wehner, Strauß Genscher e.a., hörte er im Radio auf Mittelwelle neben seiner Uhrmacherarbeit gerne auch mal zu. Zu dieser Zeit war eine Bundestagsdebatte auch noch etwas Wert, ich habe den Eindruck dass diese Säule unserer parlamentarischen Demokratie damals mehr Beachtung fand. Das Radio war dafür auch keine schlechtes Medium, Fernsehen auf phoenix oder irgend ein Livestream mit Bild lenkt doch mehr ab und ist neben einer Arbeit nicht möglich. Diese Debatten haben in der Öffentlichkeit heute viel weniger Resonanz, die Frage warum, wäre einen eigenen Beitrag hier wert.

An Ihre Stelle sind die Polit-Talkshows getreten, die am prominentesten am Sonntag Abend mit den Moderatoren Christiansen, Jauch, Will ihr Publikum finden, das nach dem Tatort noch nicht ins Bett gehen will. Habe ich sie anfangs manchmal noch geschaut, findet mein Finger inzwischen in Sekundenbruchteilen die Fernbedienung für einen anderen Kanal. Das letzte Highlight, das man hätte sehen müssen, war wohl #Varoufake, dazu habe ich schon geschrieben.

Mein Grund für die Verweigerung ist: Selten ist es eine echte Diskussion, statt dessen dürfen populäre Politiker und andere Medienprofis ausführlich ihre relativ inhaltsleeren Statements abgeben, der Feigenblatt-Experte, der auch im Studio sitzt (gibt es ihn noch, oder geht es inzwischen auch ohne ihn?), darf zwar zwei Sätze mit beisteuern, obwohl er aber meist als einziger was sachlich richtigeres zum Thema zu sagen hätte, wird er schnell abgewürgt, so viele Details will der Zuschauer ja angeblich gar nicht. Was bleibt ist meist nur die Bestätigung für die, die es gerne so haben, „Alles ist gut, wir machen weiter so“, oder die Aufregung über ein neues „Thema“, das von den eigentlich relevanten ablenken soll. Die Richtung, die die Diskussion nimmt, steht von Anfang an fest, falls es nicht so läuft, weiß der „neutrale“ Gastgeber, was er zu tun hat.

Nett dass ebenso von der ARD auch die gut gemachte Satire dazu kommt, die diese Talkshowkultur an einem vermeintlich neoliberalen Thema sehr schön persifliert:

Mais und Hochwasser

So schlimm das Hochwasser für die betroffenen Gemeinden und Haushalte ist, so sicher werden keine wesentlichen Konsequenzen daraus gezogen. Auch wenn Politik und Landwirtschaft die Einzigartigkeit des Wetters betonen und damit jeden Zusammenhang  mit Landwirtschaft, Flächenversiegelung, Flussbegradigung und Klimawandel großzügig vom Tisch wischen, sind Zusammenhänge gegeben. Mit Klimawandel und steigenden Temperaturen sind solche Ereignisse nach Einschätzung der Klimaforscher auch wahrscheinlicher geworden, das Schein-Argument „bei so einem Wetter könne man gar nichts machen“, wird also häufiger zu hören sein.

Ein Artikel der Welt thematisiert den Zusammenhang zum großflächigen Maisanbau auch in hügeligen Gebieten:

An den Flutschäden ist auch der Maisanbau schuld

Dieser Mais-Wahnsinn bleibt erhalten, denn zeitgleich drückt Bayerns CSU bei der umstrittenen Neufassung des EEG (Referentenentwurf als PDF) ironischerweise die Weiterförderung der Biogasanlagen durch, obwohl dies nach Expertenmeinung auch kontraproduktiv ist. Dies sorgt dafür, dass die Mais-Monokultur vielerorts erhalten bleibt. Das dabei auch die notleidenden Milchbauern den Kürzeren ziehen, da sie bei der Pacht von Flächen gegen die geförderte Biomasse nicht mehr den Zuschlag erhalten, fällt ebenso zeitgleich mit deren Förderung zusammen. Alles widrige Zusammenhänge, die in den Mainstream-Medien aber so nicht Thema sind. Die im Vergleich viel umweltfreundlichere Windkraft wird im Entwurf leider, IMHO zugunsten der großen Stromkonzerne gedeckelt, die erneuerbaren Energien werden im Ergebnis deutlich gebremst. Schade!

Clinton oder Sanders

Guter Community-Beitrag in freitag.de zu den USA Vorwahlen:

Clinton taumelt über die imaginäre Ziellinie

US-Primaries Die Superdelegierten haben noch nicht gewählt. Dennoch rufen Medien hier und in den USA Hillary Clinton als offizielle demokratische Präsidentschaftskandidatin aus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ernstchen

Update 08.06.2016:
Interview im DLF zum gleichen Thema:
Meldung von Clintons Sieg „kommt möglicherweise zur Unzeit“

AP macht Propaganda

Gerne verlinke ich auf Meldungen von tagesschau.de, ist es doch noch eine der seriösesten Stellen der „alten“ Medien aus den Zeiten vor den Möglichkeiten des Internets mit den meist objektivsten Formulierungen. Heute jedoch möchte ich als Gegenbeispiel mal einen reinen Propaganda-Artikel etwas aus meiner Sicht bewerten. Es handelt sich um:

„Super Tuesday“ der US-Demokraten: Hat Clinton schon gewonnen?
vom 07.06.2016 05:47 Uhr und Vorversion

Alles eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen im doch immer noch relativ wackligen Rennen mit dem Konkurrenten Bernie Sanders um die Kandidatur der Demokraten in USA.  Genau gegen diese doch bestehende Unsicherheit, die ein Makel für Clinton ist, wird angeschrieben.

Gleich im ersten Absatz heißt es:

Hillary Clinton ist die US-Präsidentschaftskandidatur angeblich nicht mehr zu nehmen. Wie die Nachrichtenagentur „AP“ in der Nacht unter Berufung auf eigene Berechnungen meldete, hat die Demokratin die benötigten 2383 Delegiertenstimmen bereits beisammen, um auf dem Parteitag im Juli gekürt zu werden.

Die Kernaussage ist wohlweislich mit „angeblich“ versehen. „AP“ immer in Gänsefüßchen, stützt sich auf eigene „Berechnungen“. Schön, wenn eine Nachrichtenagentur, die normalerweise Nachrichten aufbereitet, auch eigene Nachrichten macht. Weiter heißt es:

„AP“ zufolge geben die sogenannten Superdelegierten – hochrangige Parteivertreter, die sich frei für einen Kandidaten entscheiden dürfen – den Ausschlag. Demnach hat Clinton 1812 normale Delegierte aus den Vorwahlen sicher sowie das Versprechen von 571 Superdelegierten, im Juli für sie zu stimmen.

Die Meldung stützt sich also hauptsächlich auf das von AP prognostizierte Verhalten der Superdeligierten, die nach Erkenntnissen von AP, die uns nicht vorliegen, angeblich für Clinton stimmen werden. Ohne diese Vogelschau auf ein zukünftiges Wahlverhalten ließe sich aus den bestehenden Ergebnissen die Aussage eben genau nicht ableiten.

Die meisten echten Fakten stehen in den nächsten beiden Absätzen (diese sind in der 05:47 Version neu):

Allerdings zeigte sich Clintons verbliebener Rivale im Vorwahlkampf, Bernie Sanders, in einer ersten Reaktion unbeeindruckt. Es sei falsch von den Medien, die Superdelegierten mitzuzählen, erklärt der Senator aus Vermont. Er werde bis zum Parteitag daran arbeiten, diese umzustimmen.

Für Sanders kommt die AP-Meldung trotzdem zur Unzeit. Am heutigen „Super Tuesday“ findet die letzte große Runde der Vorwahlen statt, unter anderem in Kalifornien. Seit Wochen liegt dabei das Augenmerk der Experten auf den Bundesstaat mit fast 40 Millionen Einwohnern, wo Sanders jüngsten Umfragen zufolge Clintons früheren Vorsprung komplett aufgeholt hat. Die Stimmung unter den Demokraten in Kalifornien ist elektrisiert: Den Behörden zufolge haben sich 18 Millionen Menschen als Wähler registrieren lassen, ein neuer Rekord. Allein in den vergangenen sechs Wochen seien 650.000 dazugekommen – drei Viertel davon Demokraten.

Das ist also der Grund für das Vorpreschen von AP: In Wirklichkeit ist es immer noch knapp, jetzt geht es um die Wurst und es soll mit der Meldung noch Stimmung gemacht werden vor dem „Super Tuesday“. Bei dem sieht es eigentlich ganz gut für Sanders aus, da müssen schon unlauter die Superdeligierten herangezogen werden, um was anderes zu schreiben.

Eine andere halbseidene Formulierung, die in einer ersten von mir gelesenen Version noch drinnen war, ist jetzt, während ich schreibe, in der Version von 5:47 entfernt worden. Hier hieß es in etwa, dass viele Demokraten inzwischen verärgert über Sanders sei, da er Clintons Chancen so mindere und sie gegen Trump damit schwäche. Eine eigentümliche Demokratieauffassung bei einem Kopf an Kopf-Rennen zweier Kandidaten. Auch wurde formuliert: Der Vorsprung Clintons sei jetzt schön größer als der von Obama seinerzeit gegen sie. Ebenso Unsinn, da Clinton von Obama denkbar knapp und tragisch aus dem Rennen geworfen wurde, die Größe des Vorsprungs war damals hauchdünn und steht eben viel mehr für das Scheitern Clintons. Der Vergleich mit Obama steht eher dafür, dass Clinton noch verlieren kann, wie damals. Die Nachricht zeigt daher, wie nah Bernie Sanders ist und wie sehr die AP Meldung das „Pfeifen im Walde“ darstellt.

Es spricht wieder für tagesschau.de, diese Propaganda-Sätze wenigsten entfernt zu haben. Ich stelle als Frühaufsteher oft fest, das von den Nacht-Teams relativ herbe Meldungen formuliert werden, die dann am frühen Morgen noch korrigiert werden, gerade in br.de gibt es das häufig. Da müsste ich für einen Artikel wie diesen doch gleich die erste Version kopieren, die, die Anlass dazu gab, fehlt mir jetzt, schade. So ist aus dem Post ein bisschen ein Durcheinander geworden, ich hoffe er bleibt trotzdem verständlich.

Trotz allem melden aber die deutschen Medien heute natürlich rauf und runter, das Clinton schon gewonnen hat und wie unvernünftig Bernie Sanders Wahlkampf doch ist, nur wegen ihm kriegen wir dann doch den bösen Trump statt der braven Clinton. 😉

Update 08.06.2016: Guter Artikel in theintercept.com zum undemokratischen Vorgehen von AP:

Perfect End to Democratic Primary: Anonymous Superdelegates Declare Winner Through Media

Algorithmus entscheidet über Freiheit

Als Informatiker habe ich eine kritische Einstellung zum Daten-Sammeln und vor allem dazu, wie wir mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen umgehen. Meine Postleitzahl gebe ich zum Beispiel deswegen beim Einkaufen nie an, den „intelligenten“ Stromzähler sehe ich sehr negativ.

Aus eigener Erfahrung mit Echtdaten in Kundenprojekten weiß ich, dass es immer Erkenntnisse aus Daten gibt, so banal und unwichtig sie auf den ersten Blick auch sein mögen. Der Satz „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ ist hier falscher denn je, hat jedoch noch nie gestimmt.

Weniger Bedenken als der Rest der Bevölkerung habe ich zum Beispiel bei Entscheidungen, die Maschinen fällen. Zum Beispiel freue ich mich schon auf selbstfahrende Autos und denke, sie sind ein logischer nächster Schritt im Individualverkehr. Die deutsche Automobilindustrie macht hier große Fehler, wenn sie anderen Konzernen die Entwicklung und Einführung überlässt, wohl weil für den Kunden der noblen Fahrzeuge die „Freude am Fahren“ überwiegen soll, was höhere Marchen ermöglicht. Auch die Sicherheit lässt sich lösen: Wenn die Unfallquote der Computerfahrer geringer ist, als die von Menschen, kann man sie hinnehmen und auch versichern. Man kann sie auch viel leichter verbessern als bei Menschen, ein ganz wichtiger Aspekt. Aber das ist noch, nicht mehr lange, Zukunftsmusik.

Entsetzt hat mich hingegen eine Anwendung Maschinen-gestützter Entscheidungsfindung, die nicht mehr Zukunftsmusik ist, sondern in den USA schon Realität: Straftätern wird auf Grund von Befragungen ein Wiederholungsrisiko zugeteilt, der Richter kann darauf basierend entscheiden das Strafmaß zu verkürzen oder zu verlängern. Zielsetzung ist es, die überfüllten Gefängnisse der USA von harmloseren Tätern zu entlasten, die gefährlichen Täter aber länger wegzusperren. Ein Artikel auf zeit.de beschreibt die Umstände der Anwendung und die damit verbundenen Probleme:

Präzise berechneter Rassismus

Die Umstände der Verwendung erinnerten mich stark an die Phrenologie, den historischen Versuch Schädelform und Hirnforschung mit Neigung zu Verbrechen zu korrelieren. Deswegen weil auch die Umstände so gleich sind:

  • Die Kriterien und Algorithmen der verwendeten Programme sind geheim und so nicht nachvollziehbar, die Trefferquote wurde wohl nie richtig geprüft und hat sich jetzt, nach Prüfung erst durch Journalisten, als haarsträubend herausgestellt. Will man so etwas machen, ist wie immer in der Justiz, Nachvollziehbarkeit  und Transparenz oberstes Gebot, also müssen die Algorithmen offen sein, um deren Vorgehensweise und „Gerechtigkeit“ zu prüfen. Ob der Ansatz überhaupt praxisgerecht ist, darf bezweifelt werden.
  • Die Prüfung legt nahe, dass die Software nur die Vorurteile der Bevölkerung wiederholt was Hautfarbe und soziale Herkunft anbelangt, Farbige wurden zu schlecht, Weiße zu gut beurteilt. Um diese Kriterien anzuwenden, bedarf es keiner Software. Schlimmer noch: Einen rassistischen Richter kann ich dokumentieren und so vielleicht überführen, eine proprietäre, nicht öffentliche Software nicht.
  • Strafrecht sollte nicht für mögliche zukünftige Verbrechen bestrafen, sondern für tatsächlich begangene. Schon deswegen ist der Ansatz falsch. Das deutsche Strafrecht unterscheidet zu Recht die Sicherungsverwahrung strikt von der Freiheitsstrafe. Nebenaspekt: In den Medien und der Politik wird dieser Ansatz mehr und mehr aufgeweicht: Ständig erreichen uns Nachrichten, dass auch in unserem Land ein terroristischer Anschlag „vereitelt“ wurde, bevor er begangen wurde. Ich sehe dabei das Generieren von Angst in der Bevölkerung meist im Vordergrund. Welche Taten den Inhaftierten dabei tatsächlich zu Last gelegt und auch bewiesen werden, wird oft nicht ausreichend dargestellt und in der Rückschau schon gar nicht.

tl;dr:

Der Ansatz der USA, Aufgrund von in-transparenten Computeralgorithmen das Strafmaß von Tätern zu bestimmen, ist inadäquat, erschreckend und menschenverachtend.

Protest und Repression in Frankreich

Die taz berichtet in ungewohnt deutlichen Worten über die Unruhen in Frankreich und deren geringe Entsprechung in den deutschen Medien:

Protest und Repression in Frankreich: Da musst du durch

Bereits im Post  Armes Europa habe ich mich über das Schindluder, dass die Regierung in Frankreich mit der Demokratie treibt, ereifert.

Dieter Tremel

26. Mai 2016

In der ersten Woche der Pfingstferien haben wir uns einen richtig schönen Urlaub geleistet: Mit einem Hausboot auf der Mecklenburgschen Seenplatte zu fahren. Vor fast 15 Jahren hatte ich das schon einmal gemacht und wollte es schon immer mit der ganzen Familie nochmals wiederholen.

Von Rechlin an der Müritz bis Neustrelitz und zurück ging es, also relativ viel Fahrzeit für eine Woche, auch wegen des durchwachsenen Wetters. Da wir lieber Ankern, als in eine Marina zu gehen, waren wir nur in Neustrelitz im Stadthafen über Nacht, sonst mitten in der traumhaften Natur dort vor Anker an schönen Plätzen. Beim Abendessen haben wir dabei reichlich selbst gekochte italienische Pasta vernichtet. Die Vielzahl der Vogelrufe als Konzert aus dem meist ganz nahen Wald ist dabei unvergesslich.

Karte der GPS Tracks der Bootsfahrten

GPS Tracks der Schiffsfahrten

GPS Tracks der Schiffsfahrten

Bis auf das schlechte Wetter in den ersten Tagen, wo die Eisheiligen mal wieder voll zugeschlagen haben, war es rundum gelungen, die Wärme der letzten Tage hat uns wieder versöhnt. Hanna, Hans und ich waren sogar mal Schwimmen.

Diesen „entschleunigten“ Urlaub kann ich nur jedem empfehlen!